Montag, 6. Oktober 2014

STADT LAND FOOD

Gutes Essen ist ein Fest – oder gleich ein ganzes Festival!

Vom 2. bis zum 5. Oktober 2014 haben wir rund um die Markthalle Neun zu „Stadt Land Food“ eingeladen:
Gekommen sind 10.000sende!

Es war eine Bühne für bäuerliche Landwirtschaft und handwerkliche Lebensmittelproduktion, die Plattform für politischen Dialog und innovative Kochkultur. Mit Märkten, Workshops und dem Kongress von „Meine Landwirtschaft“. Wir haben Wurst gemacht, Schnaps gebrannt und Sauerteig geknetet. Es gab Filme und Theater und wir haben viel diskutiert, gegessen und gefeiert. Es ging um die Zukunft unseres Lebensstils und unseres Essens – theoretisch und praktisch, kreativ und kulinarisch!










Mehr Informationen findet Ihr unter http://stadtlandfood.com/home/

Freitag, 5. September 2014

„Das weiß doch eh jeder!“

Ein neues Argumentationsmuster ist bei den Lobbyisten der Lebensmittelindustrie auf dem Weg populär zu werden.

Wenn etwas als Verbrauchertäuschung entlarvt ist, darf man sich laut Christoph Minhoff (Chef-Lobbyist der Lebensmittelwirtschaft) nicht mehr darüber empören. Jeder weis ja jetzt, dass es falsch ist, also besteht keine Berechtigung mehr dies zu betonen, auch dann nicht, wenn der Schwindel weiter getrieben wird. So argumentiert er im Bezug auf die Abstimmung zur Werbelüge des Jahres der Organisation Foodwatch.

Mit der gleichen Argumentation könnte man sagen „Was regt ihr Euch so über Gammelfleisch auf, das stand doch schon letztens in der Zeitung und es weiß doch eh jeder, dass es überall drin ist.“ Ende der Diskussion.

„Was ist daran neu, dass man bei Fast Food belogen und betrogen wird – das weiß doch eh jeder?“
Diese Argumentation war auch hier im Blog in den Kommentaren zu meinem Bericht über den Besuch bei Burger King zu finden. Auch hier wurde argumentiert: „Warum regst du dich auf – das weiß noch eh jeder, was ist daran so schlimm?“ Doch nur weil es angeblich „jeder weiß“ macht es den Umstand nicht besser, dass es Betrug ist und verheerende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben kann.

Eine Verdrehung der Diskussion über unsere Lebens-Mittel

Doch dahinter steckt meiner Meinung noch mehr. Es ist eine krude Verdrehung der Diskussion um unsere Lebensmittel. Auf der einen Seite wird scheinbar akzeptiert, dass es diese Täuschungen, Lügen und Missstände in der Lebensmittelwirtschaft gibt – dem neuen Bewusstsein der Verbraucher wird so scheinbar Beachtung geschenkt – im gleichen Zuge wird uns „Verbrauchern“ jedoch das Recht aberkannt diese Missstände anzuprangern und verändern zu wollen. „Jeder weiß, dass es Gift ist – also bitte nicht mehr drüber aufregen. Jeder kann doch selbst entscheiden ob er es konsumieren will.“

Das Argument „weiß doch jeder“ ist beliebt, stimmt jedoch nicht, denn es weiß eben nicht jeder. Die Argumentation „weiß doch jeder“ kenne ich vor allem von denjenigen, die genau wissen, dass es eben nicht jeder weiß und von denen die genau damit ihre Geschäfte machen.

Es ist die gleiche Argumentation, wie die der Tabak-Industrie, wenn es um das Rauchen geht. Auch hier hat sie sich als unzulässig herausgestellt und wurde vom Gesetzgeber geahndet.

Solange betrügerische Lebensmittel nicht mit ausreichend großen Warnhinweisen versehen werden, die Werbung dafür nicht breitflächig verboten wird und die Abgabe nicht mehr an Minderjähre erlaubt ist, solange unterstütze die Aktionen von Foodwatch und nehme mir weiterhin mein Recht heraus mich über skandalöse Entwicklungen bei unseren Lebens-Mitteln zu empören.

Bleibt wachsam und empört Euch!


Montag, 25. August 2014

"Wertvoller Rinderbestand"



Man steht vor einem umzäunten Gelände - versteckt hinter meterhohen Maisfeldern kurz vor Berlin. Alte Industriegebäude aus der DDR. Hinter den Mauern sollen über 1.000 Kühe gehalten werden. Das Einzige, was wir durch den Zaun sehen sind kleine Kälber in Ihren Boxen. Sie dürfen noch das Tageslicht sehen. Die Kuhställe sind so alt, das sie nur winzige Luken haben. Von oben sieht das Areal aus wie eine Fabrik. "Bauernhof" trifft es nicht mehr.

Draußen am Zaun hängen Schilder. Die EU hat hier gefördert: den "Neubau eines Kälber- und Jungrindstalls" und den Neubau eines "Kadaverhauses". Der Hinweis "Wertvoller Rinderbestand" wirkt dagegen fast euphemistisch.

Wir melken die Kreatur in dunklen Ställen hinter Stacheldraht in wenigen Jahren bis zur totalen Erschöpfung gefüttert mit Gen-Soja aus Übersee. Die lokale Molkerei gibt es seit 5 Jahren nicht mehr, erfahren wir später. Die Milch wird von Berlin aus fast bis Dresden transportiert um dort verarbeitet zu werden. Das alles ist weit weg, wenn wir in der Stadt in den Kühlschrank greifen. Die Nöte des Landwirts sind uns unbekannt. Zutritt haben wir hier nicht mehr.


Sonntag, 17. August 2014

Ganz unten. Im Tal der kulinarischen Würdelosigkeit

Von den 10 Personen, die sich für die Tour durch die Burger King Küche angemeldet haben, sind wir die beiden einzigen, die gekommen sind. Ein Berliner Vater mit seinem Kind und ich sitzen nun am Sonntag morgen um 9:00 Uhr in einer Berliner Burger King Filiale und warten darauf, dass es losgeht – hinter die Kulissen des Burger Bräters.

Zur Begrüßung bekommen wir eine Cappy und eine Schürze. In einem kurzen Gespräch, bevor wir in der Küche verschwinden, frage ich wie viele Burger denn hier so an einem Tag verkauft werden? „Über Zahlen darf ich nicht sprechen.“, sagt die Chefin, die uns durch die Küche führen wird.  Die nächste Enttäuschung folgt an der Tür zur Küche: Fotos darf ich auch keine machen, das sei „aus hygienischen Gründen“ verboten, bekomme ich zu hören.

Dies ist also das letzte Foto, bevor ich hinter der Tür in der Küche verschwinde.







In Folie eingeschweißter, bereits geschnittener Salat ist das erste, was ich sehe, als wir uns den Kühlraum anschauen. Seit meinem letzten Besuch in Lobbykreisen weiß ich, dass dieser Salat die selbe Behandlung mit Chlor durchmacht, wie das besagte Chlorhühnchen, vor dem im Moment alle so große Angst haben. Der Salat ist fertig geschnitten und wartet in Plastiktüten darauf aufgerissen zu werden. Fein säuberlich mit Haltbarkeitsdaten versorgt.

Überhaupt ist hier fast alles in Plastik verpackt. Eingeschweißt. Eingedost. Eingepackt. Nur die Zwiebeln nicht, die kommen in der Schale. „So richtig aus der Erde“, wie die Chefin betont. Für den Schichtleiter ist das wilde Gemüse in der Schale jedoch ein Ärgernis, da es zu einem Arbeitsschritt führt, der nicht standardisiert ist, einen den er noch selber machen muss mit einem Messer, in einer Umgebung, die für diese Art der Zubereitung - das Zerschneiden von Gemüse - eigentlich nicht gemacht ist.

Stolz zeigt man uns die beiden Geräte, die als einzige noch Lebensmittel im Urzustand (Tomate und Zwiebel) zerschneiden können. Es sind zwei Handpressen, mit denen sich das Gemüse in Scheiben drücken lässt. Es ist der einzige Arbeitsschritt, der noch im Entferntetesten mit Kochen zu tun hat. Draußen im Gastraum hängen Poster, die das schneiden der Tomaten feiern.

Tomate und Zwiebel sind die einzigen frischen Lebensmittel, die sich in der sogenannten Küche finden lassen. Der Rest ist verarbeitet, behandelt, eingefroren und mit Zusatzstoffen versetzt. Der Rest ist automatisiert, abgepackt, zugeschweißt und muss nur aufgerissen werden und dann nach einer gewissen Zeit weggeschmissen werden, wie wir noch lernen werden.

Der Lieferant hätte „einen großen Garten“ erzählt unsere Führerin, in dem das Gemüse wächst. Ich denke zurück an meinen Besuch bei den Supermarkt Tomaten und merke wie mich die hilflose Naivität, der Menschen die hier arbeiten, bedrückt. Sie sollen antworten haben jedoch keine Ahnung, wo die Lebensmittel herkommen, geschweige denn, was mit ihnen passiert, wenn sie vom Feld kommen. Besucht hat sie diese Orte noch nie, sagt sie: kein Gewächshaus, keine Fleischfabrik. Es gibt Chargennummern die nachverfolgbar wären – in der Filiale ist keinem der Ursprung der Lebens-Mittel bekannt mit denen man hier täglich umgeht.
Die Geräte und Maschinen, in denen diese Lebensmittel vor dem Erreichen der Filliale verarbeitet werden, scheinen auf einem anderen, unerreichbaren Planeten zu stehen. Einem Planeten, den keiner der hier arbeitenden Menschen je betreten hat.

Als nächstes wird uns der automatisierte und computergesteuerte Ofen gezeigt, in dem die tiefgefrorenen Fleischstücke für die Burger aufgetaut werden. „Flame grilled“ heißt das Qualitätsversprechen von Burger King, dass suggeriert hier würde Fleisch über Feuer gegrillt. In Realität sind die sichtbaren Flammen das verbrennende Fett der auftauenden Fleischstücke. Diese Flammen werden im Gastraum ebenfalls stolz auf Postern beworben.
Das Rauch- bzw. Grillaroma, so weiß ich es von einer Recherche auf einer Lebensmittelmesse, kommt von einem Rauch-Aroma Hersteller, der künstlich Rauch verflüssigt und für Burger King eine eigene Aromamischung zusammenstellt. Mit diesem Gemisch werden dann die Produkte behandelt, damit sie „frisch gegrillt“ schmecken.

Nach dem Grillen plumpsen die Fleischstücke automatisiert von einem Band in Plastikschalen, in denen sie nun 30min warm gehalten werden. Stolz wird uns erzählt, dass das Fleisch früher viel länger – also 45min – in diesen Schalen geschwommen wäre. Fast scheint es als hätten Günter Walraffs Enthüllungen vor allem dazu geführt, dass man nun noch schneller Essen wegwirft und die Mitarbeiter im Stress noch unsicherer und gequälter von den vielen, vielen neuen Vorschriften sind.

"Wir schmeißen nichts weg und produzieren auf Bestellung", wird uns erzählt. Schwer zu glauben, da während meiner einstündigen Zeit in der „Küche“ mind. 7 Burger Buletten in den Müll wandern. Dieser Schritt wird später auch stolz zelebriert um zu zeigen, wie man sich nun an die strengen Vorgaben hält. „...und weg damit.“

Das vor sich hin wartende Fleisch sieht traurig aus. Schon nach wenigen Minuten schwimmen die traurigen Fleischstücke in einem wässrigem Fleischsaft, der aus den Buletten austritt. Die braune Grillgitteroptik entsteht durch Stangen auf denen das Fleisch aufgetaut wird und die die Oberfläche leicht verbrennen.

Kochen, wie es sich bei Burger King in der „Küche“ zeigt, besteht eigentlich nur aus umschichten, umfüllen, aufreißen, drauflegen. Ich kann keine Tätigkeit entdecken die Kenntnisse erfordern würde – allerhöchstens Handschuhe aus Plastik (wegen der Hygiene).
Zwei Wochen braucht es um hier alle Arbeitsschritte gelernt zu haben, erfahre ich. „Dann nochmal 4 Wochen Training und man hat man’s drauf“, erfahre ich. Wenn man schnell genug ist! 30 Sekunden braucht Michael*(Name geändert) für einen Burger (inkl. Einpacken) viel mehr Zeit darf er sich nicht lassen. Der Computer, der alles überwacht sieht und misst alles.

Fast alle Arbeitsschritte mit und an den Maschinen der sogenannten Küche werden von Computern kontrolliert. Ein vernetzes Display zeigt die Bestellung an, ein weiteres den aktuellen Workflow und die Wirtschaftlichkeit. Alle Geräte sind „über das Internet“ vernetzt bis hin zu den Warmhaltebehältern in denen die fertig gebratenen Burger Buletten auf die nächste Bestellung warten. Eine große Anzeige zeigt allen wie „effektiv“ sie arbeiten und gibt laufend Noten über das aktuelle Arbeitsverhalten. Alle, die hier arbeiten werden ständig kontrolliert mit direkter Leitung ins Büro und in die Burger King Konzernzentrale.
Ich muss an den Film Matrix denken, in dem die Menschen an Schläuche angeschlossen waren in totaler Kontrolle der Maschinen. Warum tragen die Mitarbeiter hier noch keine Computerchips in den Schuhen, die den Weg messen den Sie täglich gehen? Warum keine Kopfkamera, die mit der Produktsicherheit verbunden ist? frage ich mich. Viel fehlt nicht zur Totalüberwachung in dieser sogenannten Küche. Der Kampf um mehr Hygiene liefert weitere Argumente für diesen Überwachungswahn. Wer leidet sind die Mitarbeiter, die unter diesem Druck „kochen“ sollen.

Im Gastraum wird es laut. Die Männer von der Müllabfuhr bestellen jeweils drei Chilli-Cheeseburger. Jetzt muss es fix gehen. Die Soße, die für den Namen verantwortlich ist und schnell auf die beiden Seiten des Brötchens geschmiert wird, darf 3 Tage offen in der Küche stehen. Ein vor Zusatzstoffen trotzendes Schmiermittel für die vor sich hin wässernden Fleischstücke, die trocken und krümellig zwischen den Brötchenhälften kleben.
Als Michael fertig ist drückt er auf einen „Fertig“-Knopf und schiebt die Burger durch zum Verkauf. Fast wie bei einem Computerspiel verstummen jetzt die kleinen Lämpchen, die ihn kontrollieren und die Anzeige mit der Bestellung erlischt auf der Anzeige.

Die Männer von der Müllabfuhr warten schon begierig auf ihr Burgerfrühstück. Nun bekommen auch wir, die beiden Küchengäste, unseren Wopper vor unseren Augen gebraten, belegt und eingepackt. Mein Mitstreiter lässt sich noch extra Chillis und Käse auf den Burger legen und entwickelt ein Freude an der eigenen Burgerkreativität. Auch Michael, der hier arbeitet, sieht man nun an, wie viel Spaß er hat von der immer gleichen Routine abzuweichen und ein hundertausendmal wiederholtes System zu brechen. Ein kurzer Moment, der an so etwas wie Kochen erinnert – an eine Tätigkeit, die von der Maschine abweicht und küchenähnlich wird. Dieser Burger wird nicht von der Computer-Kontrolle erfasst werden.

Während ich in „meinen“ Burger beiße denke ich über das Erlebte nach.

Mir gehen Assoziationen an Spielzeug, an Plastik, an eine Welt, die eine andere real existierende nachspielt durch den Kopf. Eine in der nichts echt ist, sondern nur aus Plastik – „als-ob“ eben. „Als-ob-Lebensmittel“ zusammengelegt in einer „Als-ob“-Küche. Wenn eine erwachsene, zum Leben erweckte Barbie kochen würde sähe es vielleicht so aus, denke ich.

Die tiefe Traurigkeit dieses Bildes ist, dass es keine Fantasie sondern bittere Realität ist. Es ist am Ende kein Spiel ohne Folgen, dass nach dem Spaß zusammengeräumt wird und wieder eingepackt wird. Dieses Spiel hat reale Folgen. Folgen für die Gesundheit, für die Natur, für die Tiere, für unsere Gesellschaft und ganz besonders für die Menschen, die in diesem Spiel gefangen sind, weil sie ihre Existenz sichern müssen, weil sie in dieser Maschinerie arbeiten müssen.

Die Burger King „Küche“ ist eine Maschine in der alle Arbeitsschritte für die es keinen funktionierenden Automatismus gibt durch Menschenhände ersetzt werden, die computerkontolliert funktionieren müssen. Gehen sie kaputt werden sie ausgetauscht. Menschliche Ersatzteile sind billig und können beliebig in den laufenden Prozess eingebaut werden.

Als ich diese Zeilen schreibe beschleicht mich die Sorge, dass genau diese Menschen am Ende unter meinen Zeilen leiden könnten. Sich angegriffen, ja abgewertet fühlen. Ich denke an den Apparat, der anspringen könnte, wenn dieser Blog-Artikel die Konzernzentrale erreicht, in der dann ein Qualitätssicherungsprogramm greift und genau diese Mitarbeiter, die hilflos vor der Maschine stehen, zur Rechtfertigung zwingt.

Es wäre nicht das was ich wollte. Ganz im Gegenteil es ist ein Gefühl des Mitleids. Mitleid mit den Menschen in diesen Maschinenräumen, weil ich echte Küchen kenne, die diesen Namen verdienen. Küchen, in denen noch gekocht wird, in denen echte Lebens-Mittel mit Würde behandelt werden. Küchen, in denen man einen kreativen und würdevollen Arbeitsplatz hat. Die Arbeit eines Kochs ist auch in diesen Küchen keine leichte! Es ist harte Arbeit, die aber mehr mit dem Leben zu tun hat als mit einem seelenlosen Maschinenraum.

Am Ende sind wir es, die dieses Spiel allzugern akzeptieren und mitspielen. Wir sind es, die die Realität nur all zu gern aus unseren Köpfen wischen, wenn wir wieder einmal an einer Autoraststätte oder im Bahnhof kurz Appetit bekommen und einfach mitspielen, weil es so einfach ist.

Am Ende geht es weniger um eine keimfreie Hygiene und "zu viel Zucker" sondern schlicht um ein Stück kulinarischer Menschenwürde, die hier verletzt wird.

Game Over? Es liegt an uns.

„Wenn jeder zehnte keine Lust mehr zum Kochen hat, kommen sie halt zu uns“, stellt die Chefin der Filiale am Ende etwas resigniert fest. Was kocht sie zu Hause, frage ich. „Diese Wraps“ hätte sie letztens versucht zu Hause nachzukochen, sagt sie. Sie hätten anders geschmeckt als hier in der Filliale, wären aber „super lecker“ gewesen. Sie mag ihren Burger hier am liebsten mit richtig viel Tomaten, sagt sie, mehr als erlaubt wären. Tomaten denke ich, dass einzige, was ich bei Burger King bedenkenlos essen würde.





Epilog

Auf dem Rückweg von Burger King komme ich an einer Kirche vorbei. Es läutet zum Gottesdienst und ich sitze spontan eine Stunde auf einer Bank, singe Lieder mit Menschen, von denen die meisten noch in einer Zeit lebten, in der es dieses Spiel mit der kulinarischen Schöpfung vor unseren Augen noch nicht gab.

Nach dem Gottesdienst setze ich mich mit der Pastorin zusammen und erzähle ihr von meinem vormittäglichen Erlebnissen, von meinem Mitleid mit den Mitarbeitern – von meiner Sorge um die Schöpfung und wie dort damit umgegangen wird. Sie hört mir zu, sagt sie könne sich vorstellen, dass das was ich erzähle nicht viele Menschen hören wollen. Am Ende macht sie mir jedoch Hoffnung und zitiert Jesus der sagt „Wer Ohren hat zu hören, der höre”.



Montag, 19. Mai 2014

Bauer Hubert und das Gift

Millionenfach gedruckt - ganzseitig im mobil-magazin, macht das Bundesministerium für Landwirtschaft derzeit Werbung für ihre Idee von "Ökostrom".

Es ist unwürdige Propaganda für die Zerstörung unserer Lebensgrundlage - eines intakten Bodens und sauberen Wassers auf dem Land, wie in der Stadt.

Würden die Kinder des Comic-Zeichners nämlich in einem solchen Rapsfeld umherlaufen, nachdem der Bauer es mit den üblichen Giften besprüht hat, könnten diese sofort anfangen Krankenhaus zu spielen oder ersatzweise Krieg, denn Gasmasken sind bei diesen Giftwolken angebracht. Eine Schutzkleidung, die an Atomunfälle erinnert wäre dann ebenfalls von Nöten.

Der massenhafte Anbau von Lebensmitteln, die dann zur Energieerzeugung verbrannt werden funktioniert nur in einer Monokultur unter Einsatz von massiven Giften, dass auf unseren Böden ausgebracht wird.

Der Nebel dieser „Totalherbizide“ tötet alle Pflanzen ab, mit denen es in Berührung kommt. Doch nicht nur das, auch Lebewesen die im und nahe auf dem Boden leben werden durch den Gifteinsatz getötet.

Ich erinnere mich beim Lesen des Comics an den Hund einer Bekannten, der nach dem Spiel in einem solchen Feld mit Vergiftungserscheinungen beim Tierarzt landete. Bei Betroffene rund um Berlin führt diese Art der agroindustriellen Landwirtschaft bereits zu Kopfschmerzen und Augenbrennen. In Frankreich klagen vergiftete Bauern gegen die Konzerne die diese Vernichtungsmittel herstellen. Die Uckermark entwickelt sich unterdessen bereits zu einer Todeszone.

Unsere Kinder werden in Zukunft endlose Raps- und Maiswüsten sehen, wenn wir mit Ihnen "raus aufs Land fahren". Mitten in der Natur spielen lassen dürfen wir sie dann ohne Gasmaske und Schutzkleidung nicht mehr. Bienen, Frösche oder Schmetterlinge werden wir ihnen nicht mehr zeigen können - denn sie werden den Gift-Tod gestorben sein.

Die Realität ist ein Comic, der nicht vor dem Schlafen gehen gelesen werden sollte, weil er zu Alpträumen führen wird
– bei Kindern und Erwachsenen.

Ich werde morgen auf unseren Acker fahren und dort Unkraut jäten. Im Naturschutzgebiet, wo keine Spritzmittel erlaubt sind. Wo unsere Bienen fliegen dürfen – nur nicht zu weit, denn einige Kilometer weiter beginnt die Todeszone.
Bio-Bauer Christian ist Realität und keine Comic-Figur, die den Kindern Lügen erzählt.

#WirHabenEsSatt und die Verantwortung diesen Wahnsinn nicht einfach hinzunehmen und zusammen mit den Bauern diese Entwicklung auf dem Land zu stoppen.

Ich sollte wieder anfangen Comics zu zeichnen ….







Mehr zum Thema Glyphosat findet Ihr unter anderem hier….





 ARD über die "Gefahr aus der Gartenspritze"

… und hier noch eine Studie mit dem Namen „Poisoning our Future: Children and Pestizides“.

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Donnerstag, 26. Dezember 2013

2013 - Ein Rückblick in Momenten

Im Januar laufe ich in Berlin an diesem Angebotsschild eines Backshops vorbei.

Ich kenne die Klagen der letzten Handwerksbäcker über den Preisverfall und die billigen Backmischungen, die vollgepumpt mit Hilfsmitteln und genetisch veränderten Enzymen den Markt überschwemmen.

Später im Jahr werde ich mit Handwerksbäckern und Studenten einen Flashmob initiieren der weite Kreise zieht und zu einem Fernsehreport über die betrügerischen Backmischungen führen wird.

Blick von der DJ-Kanzel in die schnippelnde Menge. Bei der zweiten Schnippeldisko kommen in der Markthalle neun in Berlin Kreuzberg 700 Menschen zusammen um eine Tonne Gemüse zu schnippeln, das sonst in die Tonne wandern würde.

Während des Jahres bekomme ich ein Video von der ersten Schnippeldisko in Seoul zugeschickt, ein Foto von Giselle Bündchen, die in New York bei der ersten Schnippeldisko in den USA dabei ist. Ich schreibe Grußworte an die erste Disco Soup in Brasilien. In Frankreich wird Disco Soupe zu einer Massenbewegung. Auf Facebook sehe ich Tausende in den ehemaligen U-Boot Bunkern in Nantes schnippeln.
Dieses Mädchen steht mit dem riesigen Schild auf der Brücke und schaut auf den Bundestag.

Wir haben es satt! 10.000sende stehen auch dieses Jahr wieder vor der Tür der Kanzlerin und appellieren an Frau Merkel und die zuständige Ministerin Frau Aigner sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einzusetzen.

In Europa ist Deutschland, was eine Agrarwende angeht das Land, was auf der Bremse steht.
In diesem Jahr treffe ich viele Freunde aus ganz Europa. Sie verstehen die deutsche Blockade-Politik nicht. Ich kann ihnen nur die Bilder unserer Demonstration zeigen. Im Januar 2014 werden wir wieder auf die Straße gehen.
Zum ersten mal nehme ich bewusst den Klang eines Brötchens wahr und verstehe was eine wirklich gute Krume ist.
Ein Bäcker hat mir das Brötchen während eines Seminars ans Ohr gehalten und zusammengedrückt. "So muss das klingen" sagt er und ich verstehe was der Unterschied zu Backshop-Brötchen ist.
Auf der Grünen Woche sehe ich Kinder in diesem Modell zwischen endlosen Raps und Maisfeldern Carrera Bahn spielen. Durch die Einöde, fahren sie kleine Rennautos. Es ist ein Modell für "Biokraftstoff".

Werde ich meinen Kindern noch andere Agrarlandschaften als Monokultur und Biogasanlage zeigen können?



Meinen Mantel hänge ich in der Garderobe neben den von Franz Müntefering. Es ist Anhörung des Nachhaltigkeitsausschusses des Bundestages. Ich bin zu Gast in einem Gebäude, das mich an die Schaltzentrale des Imperiums bei Star Wars erinnert.
Als Teil der Revolution sitze ich eine Reihe hinter den Politikern. Doch viele in dem Raum wissen wieviel Politik auf unseren Plätzen gemacht wird.

Essen ist Politik.
Tainá Guedes hat ein Buch geschrieben. Sie hat mich zu einer Lesung eingeladen. Zum ersten mal lese ich laut aus einem Kochbuch vor: Erst eine Geschichte ihrer Großmutter, die nichts wegschmeissen kann, vorallem kein altes Brot, dann kommt das Rezept, das wie Lyrik klingen kann wenn man es mit Bedacht vorträgt.

Später im Jahr werden wir beide vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eingeladen Brot vom Vortag zu verkochen.

Tainá verarbeitet alte Croissants. Ich stürze mich auf alte Rosinenbrötchen. Es entstehen köstliche Desserts.
Auf der Internorga platzt mir bei diesem Vortrag, den wir bei der Blogger-Führung besuchen, der Kragen. Die Trend-Forscherin vor uns präsentiert diesen Teller als faszinierende "Zukunft der Außer-Haus Verpflegung in Schulen". Amerika ist für sie ein Vorbild.

Die anderen Blogger müssen mich zurückhalten. Es wird ein hitziges Gespräch über Verantwortung und die Zukunft unserer Gesellschaft.


Ich bin fasziniert wie der Butter-Mann in der Markthalle in Berlin-Moabit die Butter vom großen Klotz absticht und dann mit Holzpaddeln in Form klopft.

Ich werde ihn dieses Jahr noch mehrmals besuchen. Immer auf dem Fahrrad. Einmal im strömenden Regen. Ich hasse mich auf dem Weg zurück dafür. Druchnässt, das erste Brot mit der Butter genossen, liebe ich mich dafür.
Erst muss ich in die Maske, dann an die Friteuse, später zu Eva und Franziska in die Sendung.

Vor der Maske frittiere ich den Nachmittag über Kartoffelscheiben. Alles riecht nach frischen Chips und das Team der Sendung futtert mir schon vor der Sendung fast alles weg.

Meine Chips treten während der Sendung gegen die Industriechips des Junkfoodtasters an.

Die frisch gemachten Chips werden noch vor Ende der Sendung aufgefuttert sein.
Ein Ei nicht zu hart gekocht. Einen Appetitsild darauf gelegt und weggehappst.

Genuss kann so einfach sein.
Vorallem, wenn draußen die Sonne scheint und man auf der Nordseeinsel Sylt bei lieben Menschen zu Gast ist.
Der kleine Junge hohlt die Säge raus, als ich ihn bitte mir ein Stück des Rinderrückens abzuschneiden.

Ritschratsch und ich habe ein Steak vom trocken gereiften Weideochsen vom Limpurger Rind in der Tasche.

Es wird eines der besten Stücke Fleisch des Jahres werden, das meine Pfanne und mein Gaumen zu Gesicht bekommen.
Es scheint rotes Licht auf meine Atemmaske. Ich bin unter Pilzen in einem Keller in Berlin. Es ist feucht und es riecht etwas nach Wald.

Hier wachsen auf Kaffeesatz leckere Pilze. Nach der kleinen Führung habe ich selbst ein kleines mit Sporen geimpftes Paket in der Fahrradtasche. Daraus wird eine leckere Pilzpfanne werden - aus meinen ersten selbstgezüchteten Pilzen.
Eines Abends bekomme ich einen Anruf von der Autobahn."Der Hackblock ist im Anflug."
Es ist der Hackblock der Oma eines Freundes. Aus einer Metzgerei in Franken. Er hat ihn mir geschenkt.

Der alte Block ist urst schwer und wir quälen uns mit ihm in den 4. Stock. Nun steht er in meiner Küche. Eingeweiht wird er mit einem Schnitt durch eine Ahle Wurscht.

Der Topf ist leer! Über 6.500 Portionen Suppe und Curry haben wir auf dem Museumsplatz im Herzen von Amsterdam an hungrige Gäste verteilt.

Am Tag zuvor hat die erste Disco Soep ein nach Vorbild der Schnippeldisko in den Niederlanden stattgefunden.

Es war ein Fest. Ein Fest gegen Lebensmittelverschwendung.


In einem holländischen Supermarkt halte ich zum ersten mal eine Möhre in der Hand, die komplett in Plastik eingeschweißt ist – wie ein Condom umschließt das Plastik das Gemüse.

Im selbst Regal entdecke ich später eingeschweißt und begast in Plastik: fertig geschnittene Zwiebeln, klein geschnittenes Gemüse, geschnittene Pilze ...
Gleich mehrere Menschen sehe ich in diesen Wochen mit schüttelndem Kopf vor McDonalds Werbeplakaten stehen.
Sie können nicht glauben wer da Werbung für Fast Food macht.
Menschen die sie für integer hielten.
Ehemalige Vorbilder die in dieser Dekade abstürzen wie vergiftete Singvögel.
Moritz Bleibtreu wird sich später versuchen zu rechtfertigen und scheitern.
Es ist ein Trauerspiel und doch zeigt es mir wie viele auf dem Weg sind und bereits verstanden haben.
Es wird das beste Schweinekotelett des Jahres werden. Gegrillt am Strand der Isar nahe München. Aufgewachsen als Weideschwein in Glonn bei den Herrmannsdorfer Werkstätten. Vom Stück heruntergeschnitten von einer echten Metzgerin. Ein Kotelett mit einem dicken Fettrand, der so großartig schmeckt, dass vier Leute davon satt werden.
Als ich in der Metzgerei im Norden Lettlands Hackfleisch bestelle, fragt mich die Metzgerin welche Stücke ich denn gerne dafür hätte. Fertiges Hack gibt es nicht.
Nach meiner Auswahl geht sie mit dem Fleisch in das Hinterzimmer und wolft das Fleisch frisch in eine Schale.

Hinter Ihr läuft auf einem Fernseher ein Video über den Betrieb von dem die Schweine kommen. Man sieht sein Hackfleisch als Ferkel, als Schwein im Stall, bei der Schlachtung und als Fleisch am Haken.

Unvorstellbar in Deutschland. In Lettland Realität. Der Metzger wirbt mit Vertrauen und Qualität. Ich freue mich auf die frischesten Hackbällchen seit Langem.

Es ist einer der gruseligsten Orte den ich dieses Jahr besuchen werde. Es ist der Geflügelschlachthof in Wietze in Niedersachsen in dem jeden Tag (!) 400.000 Hühner geschlachtet werden sollen.

Wir demonstrieren dagegen und umzingeln mit einer kilometerlangen Menschenkette aus über 7.000 Menschen den Schlachthof.

"Wenn Orte an denen unsere Lebensmittel produziert werden von Stacheldraht, Zäunen und Überwachungskameras umgeben sind haben wir ein Problem! Wir alle!"

Es wird das frischeste und leckerste Abendbrot des Jahres. Im Garten des Weingutes sammeln wir uns das Obst und Gemüse für unser Essen selbst zusammen.

Während des Abendessens kommt der Winzer dazu, hohlt Wein aus dem Keller und ich lerne an diesem Abend und am nächsten Tag viel über den biologischen Weinanbau.
Wir demonstrieren zu Tausenden zu einem Zeitpunkt an dem wir eigentlich nur die Hälfte von dem Wissen, was eigentlich passiert ist.

NSA, Überwachung, Totale Spionage.

Zwischen Hochhäusern, die in der DDR gebaut wurden.

Unsere Kanzlerin wird erst aktiv werden, als sie selbst ihren Schaden erkennt.



Einige Wochen später stehe ich mit meiner PARTEI vor dem Brandenburger Tor und halte einen Flachbildschirm. Es wird die erste iDemo der Welt.



Viel über Kaffee, seinen Anbau, seine Verarbeitung und seine Zubereitung habe ich dieses Jahr gelernt. Habe Röster kennen gelernt und Baristi. Menschen die Mahlgrad auf Röstgrad abstimmen und Temperaturen messen bevor sie aufgießen. Kaffee trinke ich seit dem anders. Kaffee brühe ich seit dem anders. Aus Gründen des Geschmacks und der Ehrfurcht vor der Leistung der Bauern, Importeure und Röster, die in vor mir in den Händen hatten.









Mitten im Weinberg steht ein Tisch. Gedeckt mit wunderbarem Brot, Wurst und Wein.

Malin hat uns eingeladen und setzt ihre Werke für die Kamera in Szene. 

Ich lasse den Blick schweifen, die Reeben entlang und über die Berge hinweg. Es ist Erntezeit.

Später stehe ich im dunklen Keller des Winzers und lerne wie hier seit Generationen badischer Weißwein in Holzfässern reift.


Wir machen ein Foto vor dem Bundestag.

Was vor einigen Jahren mit ein paar Aktiven begonnen hat ist ein deutschlandweites und internationales Netzwerk geworden.

Das Slow Food Youth Network ist überall. Von Berlin bis München von Südafrika bis in die Niederlande.
Ich lasse mir die Haare schneiden. Mitten in einem großen deutsch-türkischen Fest in den Hallen der Arena an der Spree.
Am Ende werden die letzten Haare mit einem brennenden Wattebausch entfernt.

Mein Ohr wird heiß und ich bekomme etwas Rosenwasser ins Haar gestrichen.

Ich tanze mit Türken, Deutschen, Deutsch-Türken und türkischen Deutschen zu Musik von BaBa ZuLa und esse Mezze von der Kitchen Guerilla.

Es braucht mehr Feste an denen wir uns begegnen können denke ich nach dem Abend.

Şerefe!

Es ist weder ein Restaurant noch ein richtiger Dinnerclub in dem ich mich an diesem Abend befinde. Es ist irgendwas dazwischen.
Ich esse im Norden irgendwo in Berlin. Es wird ein wunderbares Essen von Menschen, die von Gastfreundschaft und Leidenschaft für gutes Essen beseelt sind. Es ist der uralte Geist der Gastronomie, der durch den Gastraum weht.
Pablo hat uns eingeladen Schilde zu tragen, Schilde aus Solarzellen.

Gemeinsam tragen wir wie ein römisches Battalion die Schilde durch die Stuttgarter Innenstadt. Wir sind das "Testudo Solaris".







Aus einer kleinen Idee wird am Ende ein Schneeball.

Die SAUERCROWD Berlin wird ein lautes Fest. Sauerkraut wird an diesem Abend szenetauglich und wir feiern mit einer einzigartigen Sauerkraut-Orgie unsere Esskultur.

Zu Weihnachten werde ich mein selbst gestampftes und jetzt fertiges Sauerkraut aus dem Glas nehmen und damit ein Essen kochen, so wie es Generationen vor mir gemacht haben.
Bernadette hat mich nach Hamburg eingeladen. Mit Flüchtlingen aus Lampedusa würde sie dort ein Theaterstück mit viel Musik gestalten, hatte sie erzählt.
In der Kirche auf St. Pauli tritt sie gemeinsam mit den Flüchtlingen aus Afrika auf. Sie singen Lieder, rappen, erzählen von Ihrer Flucht und stellen Forderungen als Universal Schattensenat von Hamburg.

Ich bin mitgerissen von der Musik, von dem Mut der Menschen im Licht der Scheinwerfer, gerührt von deren Geschichten und den Botschaften an uns.

Nach der Show bedanke ich mich Ihnen für diesen Abend. Wir umarmen uns. Es bleibt die Hoffnung.


Noch ist die Bühne leer.

Sophie Hunger wird an diesem Abend live in Berlin spielen. Es wir das beste Konzert des Jahres werden.

Irgendwann spielt Sie mit ihrer Band "Das Neue".

Nur wenige Tage nach dem Konzert beginnt in meinem Leben etwas völlig Neues.
So wie ständig etwas Neues beginnt.

Danke Sophie!

Danke an alle Menschen, denen ich dieses Jahr begegnen durfte, die meine Texte gelesen & meine Fotos angeschaut haben, mit mir an einem Tisch gesessen haben und mit mir immer wieder an das Neue glauben!




Mehr Momente findet Ihr unter http://instagram.com/wurstsack




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Samstag, 16. November 2013

Keine Zeit.

























Auf einem Flohmarkt fiel mir vor ein paar Wochen ein kleines Heft in die Hand. Das Papier war ausgebleicht und hatte Risse. „Trotz wenig Zeit gut gekocht.“ stand dort in großen Frakturlettern seit bestimmt 90 Jahren.

Moment, dachte ich „keine Zeit zum kochen“ dass ist doch das Problem unserer Zeit. WIR haben doch angeblich keine Zeit mehr für die Erhitzung von echten Lebensmitteln in Töpfen und Pfannen.

Auf einmal schlug mir eine Frage in den Kopf: Hatte mein Oma wirklich je „Zeit zum Kochen“ gehabt?

Was würde die Antwort auf diese Frage wohl mit dem lieben „Ich-hab-keine-Zeit“-Argument machen, dass mir so häufig begegnet?

Diese ganz bestimmte Zeitlosigkeit muss als Begründung für soviele Dinge herhalten, dass ich selbst immer wieder erstaunt bin.
Sie ist schuld daran, dass es immer mehr Fast-Food und Convinience Auswüchse gibt, dass Plastikessen mit Zusatzstoffen aufgeblasen werden muss und dass Kinder kein frisches Essen mehr bekommen.

Mein Oma hatte Kinder, es gab viel Feldarbeit zu tun, den Haushalt und viele andere Dinge rund um das Haus und die Landwirtschaft mehr. Besonders viel Zeit hatte sie definitiv nicht. Ich vermute sie hätte sogar gelacht angesichts der Frage, ob sie den „Zeit zum Kochen hätte“, denn Kochen war für sie Alltag und kein Event, nichts Besonderes, was nur am Wochenendes passiert und für das man sich extra Zeit nehmen muss.
Ich glaube für meine Oma wäre das, was wir heute für „Kochen“ halten gar kein „Kochen“ gewesen. Für sie war es Alltag. Etwas das man macht, wie man sich seine Schuhe zubindet, bevor man aus dem Haus geht.

Für uns ist „Kochen“ inzwischen etwas geworden, dass man planen muss, etwas das organisiert werden muss. Kochen muss man abwägen. Fürs „Kochen“ brauchen wir viele Rezepte, Wagen, Küchenmaschinen und Bücher. Jamie Oliver oder Tim Mälzer müssen uns beiseite stehen, sonst wird das nichts. Und das braucht alles wahnsinnig viel Zeit. „Kochen“ kann man nicht einfach so, sondern eigentlich nur noch für einen besonderen Anlass. Eben dann, wenn wir Zeit dazu haben.

Kochen verschwindet so leise und heimlich aus unserem Alltag. Wir werden abhängig von denen, die für uns Kochen. Von TV-Köchen, Fast-Food-Ketten und Nahrungsmittelkonzernen. Sie bestimmen für was wir noch Zeit haben. Sie freuen sich, denn für sie ist unsere kulinarische Zeitlosigkeit ein gutes Geschäft.

Und wir glauben fest daran: zum Kochen haben wir keine Zeit mehr.

In dem kleinen Heft vom Flohmarkt, es ist nicht dick, finden sich einfache Gerichte und wenig Raffiniertes, was bei der Jury von Restauranttestern oder in Fernsehshows wie „The Taste“ bestand hätte.
Es fängt beim Frühstück an, geht über Suppen und Tunken zum Gemüse, zu Frischsalaten, Kartoffelgerichten, Eintöpfen und dann kommen noch ein paar Fleisch- und Fischgerichte. Alle Rezepte sind unkomplizierte, alltägliche Kleinigkeiten und kommen oft ohne Fotos aus. Es sind Gerichte, die man „einfach so“ kochen kann. Richtig Zeit braucht man dafür nicht.

Man stelle sich vor, keiner von uns würde sich mehr regelmäßig waschen, weil wir uns „waschen“ nur noch in Form eines ausgedehnten SPA-Aufenthalts mit Wellness und Sauna vorstellen können. Trotzdem ist Kochen zu etwas scheinbar Hochkompliziertem, Schwierigem, Besonderen geworden, was es im Kern nie war und nicht ist.

Ich bin mittlerweile fest der Überzeugung, dass keine Generationen „Zeit zum Kochen“ gehabt hat.  Hören wir also auf zu behaupten „zum Kochen“ haben wir keine Zeit. Es ist eine Ausrede.
Es ist eine Ausrede, die uns noch leid tun wird, wenn wir herausfinden, wer da wie inzwischen für uns kocht. Lasst uns lieber darüber nachdenken was „Kochen“ als Idee, Begriff und Tätigkeit für uns heute bedeutet und was es heißt damit im Alltag umzugehen.

Alltägliches Kochen in seiner Einfachheit gehört zu einem selbstbestimmten und freien Leben.
Diese Freiheit sollten wir uns von keinem nehmen lassen!


P.S. Trotzdem lasse ich mich auch weiterhin sehr gerne bekochen: von Freunden, auf der Straße, im Imbiss, von Lebensmittelproduzenten, bei Events und im Restaurant – meinetwegen auch vom Fernsehkoch. ;-)

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Mittwoch, 9. Oktober 2013

Eine Frage Herr Schuhbeck,

wo finde ich in Ihrem schicken Gewürzladen eigentlich Dextrose, Xanthan, Guarkernmehl, Glutamat und die feinen "natürlichen Aromastoffe" aus der Chemiefabrik, die ich aus Ihrer "Gourmet-Suppe" mit "Qualitäts-Gebot" kenne?

 Ich würde sie mir gerne selbst abfüllen, wie die anderen Gewürze auch und damit Ihre Lachs-Cremesuppe nachkochen.


Freitag, 4. Oktober 2013

wurstsack @ „Le Tour Belgique" in Köln


Im Rahmen der 6. Tour Belgique - Open Gallery Night in Köln stelle ich einige großformatige Fotos von mir aus. Ich bin gespannt, denn es wird meine erste Ausstellung in einem Currywurst-Restaurant sein. Neben frischen Wurstfotos werden märkische Sattelschweine, Weideochsen, Bamberger Hörnla und Tomaten zu sehen sein. Diese Spezialitäten gibt es bei Curry Cologne noch nicht auf der Speisekarte aber dafür u.a. sehr leckere selbstgemachte Fritten, Bisonbratwurst, Bio-Currywurst und hausgemachten Krautsalat. Curry Cologne findet Ihr in der Brabanterstraßen 42 in Köln. 

Mehr Informationen zur Tour Belgique findet Ihr unter www.le-tour-belgique.de.

Ich werde erst Montag vor Ort sein können, freue mich aber über das Zustandekommen dieser ungewöhnlichen Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit www.paij.com entstanden ist.

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Donnerstag, 26. September 2013

wurstsack @ "Social cooking Experimente" auf der Social Media Week Berlin 2013

... von Guerilla Köchen und der Frage, ob die heimlichen Gourmets auch ohne Social Media zueinander finden würden.



Supperclubs, Geheimrestaurant und Guerillaköche erobern von Kuba und Hongkong aus über New York, Paris und Berlin nun auch provinzielle Gegenden Deutschlands. An den Tischen versammeln sich wildfremde Menschen, die neben der Lust auf hausgemachtes Essen auch der Spaß an kommunikativem Erleben eint. Ein Streifzug durch die kulinarischen Nebenstrecken der Republik und der Versuch einer Antwort auf die Frage, ob die heimlichen Gourmets auch ohne Social Media zueinander finden würden.

Welcher Kommunikationswege bedienen sich die unzähligen Köche, um Gäste an ihren Tafeln zu versammeln?

Boomen die illegalen Essplätze nur dank Web 2.0?

Diesen und anderen Fragen stellen sich

Sonja Theile-Ochel - Journalistin und Social Media-Beraterin (rheinda.de), Food-Bloggerin und Guerilla-Köchin

Jan-Peter-Wulf- Gastronomie-Fachjournalist, Journalist, Autor und Betreiber des erfolgreichen Gastronomie-Trendblogs nomyblog.de. 

Hendrik Haase ist Kommunikationsdesigner, Autor und Aktivist für gutes Essen und nachhaltigen Genuss.  Er gestaltet kulinarische Kommunikation im Web, auf der Straße und auf dem Papier. Im wurstsack.blog, auf twitter & instagram zeigt er was ihm tagtäglich vor die Linse und auf den Teller kommt.

Quelle: http://socialmediaweek.org/blog/event/social-cooking-experimente-von-guerilla-kochen-und-der-frage-ob-die-heimlichen-gourmets-auch-ohne-social-media-zueinander-finden-wurden/.

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Montag, 23. September 2013

Zu Besuch bei den Supermarkt-Tomaten

Bevor ich in das Gewächshaus zu den Tomaten darf, muss ich mir ein Kittel umwerfen und Schuhüberzieher anziehen. Nur die Kopfhaube darf ich liegen lassen, da ja mein Hut die Haare bereits gut zurückhält. Auf Hygiene wird hier peinlichst geachtet. Die sogenannten “Ready to eat“ Tomaten sollen sofort essbar sein und das am Besten ungewaschen.
80% Prozent der hier geernteten Tomaten landen im Supermarkt, viele davon in Deutschland bei Aldi, Rewe und Edeka. Dies dauert von der Ernte bis zum Regal nicht einmal 24 Stunden. Zu Gast bin ich bei einem Spezialisten für kleine Tomaten. Von diesen exportiert der Betrieb pro Woche ca. 10 Millionen kleiner roter und gelber Bällchen nach Deutschland.



Vorher sind wir Kilometer lang durch ein Labyrinth aus Gewächshäusern gefahren. Die Gemeinde Westland, 70km südlich von Amsterdam, ist in den letzten Jahrzehnten fast gänzlich unter Glas verschwunden. Die Wohnhäuser an denen wir vorbeikommen sind von Glashäusern umgeben. Diese beginnen oft gleich hinter der Terrasse. 
Die Gärtner von Westland sind stolz auf das, was sie hier geschaffen haben, auf ihren Erfolg am Markt und die Mengen, die man hier unter dem Glasdach produzieren kann.
Doch während meiner Zeit in Holland höre ich auch andere Stimmen. Als ich später in Amsterdam erzähle, dass ich in Westland in den Gewächshäusern war, ist die erste Frage eines Mädchens, die von dort stammt „it’s pretty ugly, huh?“.


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Ich bin zu Gast in den Gewächshäusern der Firma Greenco, einem Familien Betrieb, wie der Gärtner öfter betont. Die Tomatenzucht geht hier Generationen zurück. Auch in den anderen Betrieben, die wir besuchen (Auberginen und Paprika) ist dies der Fall.
Dennoch wird mir schnell klar, dass man sich unter Familienbetrieb keine kleine Gärtnerei vorstellen darf, bei der Großvater mit Strohhut die Tomaten streichelt. Es sind riesige Hallen in denen hier mittlerweile auf vielen Hektar Gemüse produziert wird.
Als die vorherigen Generationen anfingen Gemüse unter Glas zu züchten, waren die Gewächshäuser noch nicht so hoch, erfahre ich. Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass das Klima und die Luftumwälzungen in den höheren Häusern deutlich gleichmäßiger sind, weshalb die hohen Glashäuser zum unübersehbaren Wahrzeichen von Westland geworden sind.
Da ich in einem konventionellen Tomatengewächshaus unterwegs bin, ist eine der ersten Fragen, die ich an den Gärtner habe, wie oft die Tomaten hier denn gespritzt werden. Vorher hatte ich mir fleißig die verschiedenen Chemikalien herausgeschrieben, die beim Anbau erlaubt sind. „Eigentlich gar nicht“, entgegnet der Gärtner dann jedoch zu meiner Überraschung und deutet auf die Hummeln, die hier überall herumfliegen und die Tomatenblüten bestäuben. (Später bei den Auberginen sind es sogar ein Menge Bienen, die auch auf meiner Kamera gerne herumkrabbeln.)



Wenn hier gespritzt würde, stürben die Hummeln, genauso wie die Nützlinge, die im Gewächshaus umherfliegen und den Schädlingsbestand klein halten, erklärt der Produzent. Die kleinen Helfer sind viel zu teuer, als dass er deren Tod riskieren würde. Bei besonders starkem Befall reist er lieber die einzelnen, betroffenen Pflanzen ganz aus dem Gewächshaus, als einfach los zu spritzen.

Der Holländer, der die alternativen Schädlingsbekämpfer in die Glashäuser gebracht hat, heißt Jan Koppert und war in den 1960er an einer Allergie gegen Pestizide erkrankt. Seit dem liefert seine Firma die kleinen, fliegenden und krabbelnden, alternativen Gegenmaßnahmen.
In allen Häusern, in denen wir heute zu Gast sind, setzt man auf dieses komplexe System aus Fliegen, Schlupfwespen und anderen Krabbelleien. Ein sensibles Gleichgewicht von Schädlingen und Nützlingen, das viel Fingerspitzengefühl erfordert und offensichtlich wertvolles Geld kostet.





Dieses System ist nur eine Entwicklung, die man hier gerne als „Tomatenwende“ bezeichnet. Viel habe sich geändert im Vergleich zu früher. Die als „schnittfestes Wasser“ verspotteten holländischen Tomaten wurden früher grün, also unreif, geerntet. Heute dürfen die Tomaten am Strauch reif werden. Statt einer immer gleichen Sorte baut man inzwischen über 80 an.

Geschmacklich war ich nicht allzu herbe enttäuscht. Eine gewisse Geschmacksvielfalt war vorhanden. Diese war besser als ich es gedacht hätte. An die wohlschmeckenden Freiland-Sorten und lokalen Spezialitäten, die ich kenne, kamen die vielen Hybridsorten jedoch oft nicht heran.

Auch in Sachen Energieversorgung hat sich einiges getan. 95% der Gärtner nutzen inzwischen Kraft-Wärmekopplungsanlagen, das heißt Sie produzieren Strom für Wohnhäuser aus Erdgas und nutzen die abfallenden Wärme für die Beheizung der Gewächshäuser. Damit nicht genug, von Kraftwerken aus dem Norden Hollands werden über lange Leitungen dort entstehendes CO2 in die Gewächshäuser geleitet, als Nahrung für die Tomatenpflanzen.




Auf dem Weg zu den Auberginen besuchen wir das neue Erdwärme-Kraftwerk, das aus 3 km Tiefe 90 Grad warmes Wasser nach oben fördert. Dieses warme Wasser wird im Anschluss über komplexe Rohrleitungssysteme in die Gewächshäuser geleitet und sorgt dort auch im Winter für Temperaturen unter denen die Tomaten wachsen.

95% des Wassers, was zum Wässern verbraucht wird, ist Regenwasser, was vom Dach in die Gewächshäuser geleitet wird. 4 Liter reichen dabei für 1 kg Tomaten – im Freiland sind es über 60 Liter, da der Boden durchlässiger ist erzählt man uns. Im Gewächshaus wachsen die Tomaten nicht in gewöhnlicher Erde sondern in einem Substrat aus Steinwolle, das aus Steinen aus der Eifel gewonnen wird. Über Sonden werden die Tomatenpflanzen mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Alles Computergesteuert auf das Milligramm genau. Die verbrauchte alte Steinwolle wird später zu Baustoffen recycelt.






Es ist ein technisch hochkomplexes System, das viel Kontrolle erfordert. Beim Auberginenproduzent lasse ich mir Kurven am Computer zeigen, von wo aus alle Prozesse in diesem geschlossenen System kontrolliert und steuert werden.
Die Herausforderung der Nachhaltigkeit wird hier vor allem als technisches Problem gesehen, das es zu lösen gilt. Auch wenn man nach wie vor von Öl und Gas abhängig ist, hat man mittlerweile eine Vielzahl von Lösungen entwickelt um davon unabhängiger zu werden. Das Thema Nachhaltigkeit bedeutet hier auch Geld und Ressourcen einzusparen.

Wofür allerdings jedes Jahr Hunderttausende ausgegeben werden müssen ist das Saatgut, das vor allem von großen Konzernen wie Syngenta bezogen werden muss. Ein Kilogramm der hochspezialisierten Tomatensaat kostet zwischen 70.000 und 80.000 Euro. Bei manchen Sorten kann der Preis schon mal beim Doppelten liegen. Das Kilo Saatgut reicht dann für gut 5 Hektar Tomaten unter Glas und muss jedes Jahr aufs Neue erworben werden, da es sich um Hybridsaatgut handelt. Die Hybridsaat entstammt einer Inzuchtlinie und taugt nicht zur Vermehrung. Doch nur diese Sorten garantieren die, für den Handel wichtigen, gleichbleibenden Formen und Erträge.
Den Preis, den man für diese Sicherheit zahlt, ist die Abhängigkeit von den großen Saatgutfirmen. Die Eigenentwicklung von vermehrungsfähigem Saatgut will und kann man noch nicht selbst stemmen, erfahre ich. Saatgutentwicklung kostet viel Geld und Zeit (7-10 Jahre für eine neue Sorte). Das will man hier (noch) nicht investieren. Ein Thema für die Zukunft sieht man darin allerdings schon.

Durch die Tomatenhybriden sind nur 2% der Produktion „Food Waste“ erfahre ich. Wobei man auch hier versucht über eine Verarbeitung zu Gazpacho eine Verwendung für diese Misfits zu finden.

Ich muss an den Bio-Gärtner aus Berlin denken, der mir erst letztens stolz von den samenfest Freilandtomaten erzählt hat, die er ganz ohne Gewächshaus anbaut. Selbst einem heftigen Hagelschauer haben sie überstanden. Er war begeistert von der robusten Widerstandsfähigkeit der Saat, die er auch im nächsten Jahr noch anpflanzen kann.
Angesichts des hochoptimierten Systems, was sich mir hier in Holland zeigt, merke ich auch wie verletzlich das System ist, sollten sich äußere Faktoren ändern, was angesichts des Klimawandels keine ferne Hypothese ist.



Kinder essen lieber knubblige, rote Clownsnasen als „gesunde Tomaten“. Deshalb setzt man im Angebot und Anbau in den letzten Jahren immer mehr auf „snackbares“ Gemüse, also kleine Tomaten und Paprika, die schnell in den Mund gesteckt werden können. Vor allem Kinder soll so der Zugang zum Gemüse erleichtert werden.
Diese Fokussierung ist aber auch eine Reaktion auf den Rückgang den frisches Gemüse in den Supermärkten erlebt. Immer seltener kaufen Kunden frisches Gemüse um damit zu kochen. Wenn schon Gemüse, dann bitte praktisches Convinience.
Schade denke ich, denn wer nicht mehr kocht und schnippelt sondern nur noch aufreißt und snackt wird bald kein Interesse mehr an besonders aromatischem Gemüse haben, das eine Verarbeitung erfordert. Der- oder Diejenige wird wenig von der Aromavielfalt erfahren, den über 2.500 verschiedene Tomatensorten haben, die weltweit existieren.

Der Teufel auf der einen Schulter sagt, "wenn wir Kindern abgewöhnen leckeres Gemüse zu essen, sondern nur noch lustige rote Bällchen mit ungewisser Herkunft füttern, werden sie das Verständnis für die Herkunft und das Kochen verlieren." "Immer noch besser als ein zusatzstoffgefülltes Schokobällchen", ruft der Engel auf der andern Schulter. Ein Zwiespalt.

Desto mehr Sorten sich im Angebot befinden desto erklärungsbedürftig wird das Produkt Tomate. Über Werbekampagnen bemühen sich die Produzenten Paprika und Tomaten immer wieder ins Gespräch zu bringen. Kunden gilt es zu erklären, dass Tomaten nicht immer rot sein müssen, sondern auch gelb sein können, oder grün gestreift. Man setzt dabei vor allem auf den Gesundheitsaspekt und die praktische Anwendung.
Neben diesen Aspekten muss auch das Kochwissen und das Wissen woher unser tägliches Gemüse stammt dazu gehören, denke ich. Nur wenn ich begreife, wer mit welchen Mühen eigentlich hinter meinem Essen steckt, kann ich es wertschätzen, ja verstehen. „Tomaten wachsen bei uns eben nicht an einem romantischen Baum, sondern in einem Gewächshaus, dem man von außen nicht ansieht, was darin passiert“, fasst der Paprika-Gärtner treffend sein vermeidliches Dilemma zusammen.

Neben dem oft vorgeschobenen Zeitmangel sich mit der Herkunft zu beschäftigen, haben wir vielleicht sogar Angst davor uns mit Realitäten zu konfrontieren, denke ich auf dem Nachhauseweg, weil wir um unser schwarz-weißes Bild von Landwirtschaft fürchten.



In Westland reagiert man auf Verbraucherwünsche schneller als früher, das betonen die Produzenten immer wieder. Das Feedback ist heutzutage direkter und scheint anzukommen. Zu kämpfen hat man unterdessen mit den Realitäten im Handel. Kaum ein Supermarkt weist aus, welche exakte Tomatensorte, mit welcher genauen Herkunft und Anbaumethode vor einem liegt. Dort ist es Heute diese Tomate aus Holland, Morgen diese aus Spanien, die verkauft wird. Da fällt es schwer für eine Sortenvielfalt, die Herkunft und die wirklich unterschiedlichen Anbaumethoden zu sensibilisieren.

Dennoch liegt es vor allem an uns die Tomatenwelt zu bestimmen in der wir leben wollen, sei es im Supermarkt oder beim Gärtner um die Ecke. Kaufen wir ausschließlich „Snack-Tomaten“ oder auch Tomaten, wie die Ochenherzen, die in der Pfanne dahin schmelzen oder überbacken aus dem Ofen kommen. Fragen wir danach woher die Tomaten kommen und wer sie angebaut hat? Wollen wir wissen wem das Saatgut gehört?

Der Trip zu den Supermarkt-Tomaten war für mich voller Überraschungen. Ein wichtiger Puzzelstein zum Gesamtverständnis der Lebensmittel-Welt, die uns umgibt.