Mittwoch, 12. August 2009

RE 1330

Es ist heiß und riecht nach Erdbeere und Urin. Martin springt im Fahrradabteil herum und zerstampft Paranüsse und Kekse, die auf dem Boden liegen. Seine Mutter brüllt berlinernd hinter ihm her und droht mit Schlägen und Liebesentzug. Supernanny im Regional Express. Martins kleine Schwester ist mit einem eingespeichelten Rosinenbrötchen in der Hand im Kinderwagen eingeschlafen. Im IC war kein Platz mehr für mich und mein Fahrrad also sitze ich einer Regionalbahn und fahre 11 Stunden quer durch die Republik. Petra meint, „dass diese ICs und ICEs“ eh nur etwas für diese Manager wären, die da „schick mit nach München fahren“.
Im Fahrradabteil der Regionalbahn stapeln sich derweil die Drahtesel, Treckingausrüstungen, Kinder- und Bollerwagen. Alle waren „auf einer Tour“. Verschwitze Körper waren unterwegs für die Menschenrechte, zu Metal-Festivals oder bierselige Touren an die Ostsee.
Sie unterhalten sich über Scheibenbremsen, Gepäcktaschen und Mini Iso-Matten zum Aufblasen. An der Ostseeküste hat man für 100 Tote Marienkäfer ein Bier gratis bekommen haben, berichtet ein Westfale. Die Kinder kauen auf alten Rosinenbrötchen aus Plastiktüten.

Die behindertengerechte Großraumtoilette grenzt direkt an das Fahrrad- und Kinderwagenabteil. Die große Tür öffnet sich auf Tastendruck mit einem lauten Druckluft-„Zisch“ und gibt den Blick frei auf Urinal und Waschbecken. Viele sind verwirrt und erschrecken angesichts der Technik, die wie im Raumschiff Enterprise den Weg zum Kloset öffnet. In der Toilette stehen sie dann und suchen den Sensor um die Tür wieder zu schließen. Dieser befindet sich nicht an der Tür sondern an der Wand. Aus dem Abteil werden dann, wie beim Topf schlagen Anweisungen gerufen, bis die Tür wieder schließt. Nun ist die Tür zu doch nicht verschlossen. Den Knopf, der das rote „Besetzt“-Lämpchen zum scheinen bringt, findet kaum einer.
So passiert es häufig, dass drahtige Fahrradfahrer vor anderen Passagieren mit heruntergelassener Hose stehen und dem Abteil Einblick in den Stuhlgang der Mitreisenden gewährt wird.
Unerschreckt erklärt später ein Fahrgast einer Insässigen „Sie müssen die Tür aber auch verriegeln!“, schüttelt den Kopf und versucht das zischende Türchen wieder zu schließen, das mehrmals zischend hin und her fährt, bevor es wieder zu ist.
Er versucht die Peinlichkeit zu überspielen und erklärt dem Abteil „Mir ist das nicht peinlich - Ich weis wie Frauen und Männer aussehen.“ Die Urinierende hinter der Tür drückt nun in Panik sämtliche Knöpfe und hat neben der Verriegelung auch den Notruf aktiviert, der den Schaffner aus den Boxen im Hygienehäuschen plärren lässt.

Dieser hat längst aufgegeben Fahrkarten zu kontrollieren und ist mehr darum bemüht über die Lautsprecher den Fahrgästen die feine Türsensorik am Ausgang der Wagons zu erklären, in die sich immer wieder Menschen stellen und Türstörungen hervorrufen. Seine Ansagen werden immer frustrierter und verkündigen genervt immer mehr Verspätungs-Minuten.

Es ist heiß und der Kakao-Spachtel tropft aus den Doppelkekshälften der Kinder. Martins Keks-Nuss-Muss auf dem Boden des Fahrradabteils wird cremiger. „22 Minuten Verspätung ... Nächster Halt Düsseldorf Hauptbahnhof“. Ich muss umsteigen.