Montag, 29. November 2010

wurstsack @ Deutscher Nachhaltigkeitstag

Begrüßt wird man auf dem „Deutschen Nachhaltigkeitstag“ in Düsseldorf mit Kaffee und Kuchen von Mc Donalds. Wer eine kalte Erfrischung sucht geht zum Stand von Coca Cola und trinkt dort Cola oder aromatisierte Georgia Brause. Frühstück sind Hot-Dogs mit Heinz Ketchupsoßen am gleich gebrandeten Stand.



In einer Ecke des Foyers, wo sich die Unternehmen präsentieren stehen zwei Apfelkisten mit Demeter-Äpfeln – fast unbeachtet und ohne Standbetreuung. Sie sind die einzigen Produkte, die hier aus biologischem Anbau sind. Wer Fair Trade Produkte sucht wird ebenfalls nicht fündig. Den Bauer, der diese Äpfel gesponsert hat, treffe ich später. Er steht auf keinem Plakat und weis, dass er nach diesem Tag kaum mehr von seinen Äpfeln verkaufen wird. Trotzdem freut er sich, dass ich seine Äpfel entdeckt habe. „Das sind Topaz die sind klein und robust - bleiben lange knackig“, erklärt er.

Ich zerre einen Stuhl aus dem Vortragsraum und packe neben den Apfelkisten meine Wurst und Butter aus. Alles, was ich von meiner Reise durch Hessen noch dabei habe. Ein paar Brötchen hohle ich aus der Hotellobby nebenan. Ich versuche eingen Top-Managern meine Lebensmittel schmackhaft zu machen und rufe einigen zu doch mal zu Probieren. 
An mir, der hausgemachten Wurst und den Äpfeln rennen viele nur mit einem Lachen vorbei – „Vielleicht später ... erstmal einen Hot-Dog“, höre ich.



Ich komme ins Gespräch mit einem serbischen Jäger, den es auch auf diese Veranstaltung verschlagen hat und der sich traut von der hessischen Leberwurst zu probieren. Er berichtet mir von durch Kampfmittel verseuchtes Leitungswasser und durch den Krieg zerstörte Landwirtschaft in seiner Heimat Serbien. Hier in Deutschland könne man so gutes Leitungswasser trinken, schwärmt er. Thüringische Wurst hält er für die beste in Deutschland, sagt er.
Er hat große Angst vor der „landwirtschaftlichen Walze der EU aus dem Westen“. Die industrielle Landwirtschaft wird die ganzen kleinen Betriebe seiner Heimat plattwalzen, weis er. Von der Konformierung des Geschmacks ganz zu schweigen, das passiere jetzt schon, weis er.

In einem der Diskussionspanel sitzen sie später vor mir - die Top-Vertreter von Danone, McDonalds und Henkel. Alle grün. Alle verständnisvoll.

Sie erklären ihren Kindern zu hause, dass man das Wasser beim Zähneputzen abdreht und das man das Licht so oft es geht ausmacht.
Es geht um „added Value“ und vor allem um „den Konsumenten“, der das ja alles gar nicht will oder zumindest noch nicht und vor allem nicht dafür bezahlen will.  Solange muss man erstmal abwarten und bitte nichts übertreiben. Ich lerne, dass man das Thema „differenzierter betrachten“ muss.
Man selbst würde eigentlich immer schon Gutes tun, wird betont. Verantwortung ist schon immer Thema. Man beruft sich auf Gründerideen von Familienkonzernen.

Ich erinnere mich an den Satz „ Nachhaltigkeit seit 150 Jahren der am Stand des deutschen Markenverbandes im Foyer zu lesen ist. Dort wo Knorr-Tütensuppen ausliegen und die Deutsche Bank sich nachhaltig zeigt. Als es an die Publikumsfragen geht weis ich nicht wo wo ich anfangen soll.
Diese Situation lässt eigentlich keine Fragen zu. Es sind eigentlich nur Gefühle – ungute Gefühle und irgendwie auch traurige.

Als ich das Mikrofon bekomme frage ich, was sie in ihrem Innersten eigentlich fühlen wenn sie sehen was in ihren Fabriken passiert sofern sie sie besuchen? Wer für sie arbeitet und vorallem wie? Warum sie immer noch glauben, dass es ein wir und „die Konsumenten“ gibt und das man Nachhaltigkeit zu einem Produkt dazu addieren kann?
Ich fühle mich ein bisschen wie ein Mönch, der hier an ein spirituelles Mitgefühl appelliert.
„Wir sitzen nämlich hier alle in einem Boot“, sage ich „und das geht bald unter wenn wir nicht alle gemeinsam etwas tun!“

Philipp Gloeckler vom Avocado Store aus dem Publikum fragt konkret, was an diesem Nachhaltigkeitstag nachhaltig sein soll.



Danach hält Sarah Wiener, die auch im Publikum sitzt, eine flammende Rede gegen die Geschmacksverdummung und die Zerstörung der Landwirtschaft, die durch die Produkte und Geschäftpraktiken der Firmen entsteht, die da vor ihr sitzen. Wiener sie ist aufgebracht und wütend und entschuldigt sich danach, das alles etwas philosophisch ausgefallen ist.

Dr. Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm sagt später es gehe nicht um „Uns und die Konzerne“. Einen Konzern gibt es seiner Meinung nach gar nicht. "Es gibt immer nur Menschen und ihre Entscheidungen." Es gehe um die Veränderung von Geisteshaltungen und das auf allen Ebenen. Nicht 2020, 2050, oder welches Jahr auch immer man sich für die Rettung der Welt vorgenommen hat, sondern es fängt jetzt an - hier und heute.

Ich habe den Mc Donalds Chief Executive Suply Chain Manager, nach der Diskussion zum gemeinsamen Kochen eingeladen. Er gab sich hocherfreut und will sich auf jeden Fall bei mir melden. Ich bin gespannt ob er es wirklich tut - ich will den Menschen kennen lernen, der in diesem Konzern die Entscheidungen trifft und der, wie er im Panel erklärt hat, wissen will „wo es herkommt.“ 

Das Menü des Gala-Dinners stammt laut Menükarte „weitgehend aus der Region und aus ökologischem Anbau“.

Günther Oettinger, Sabine Christiansen, Joschka Fischer, Eva Padberg, Jamie Oliver und ich bekommen nun in kleinen Portionen Eismeer-Lachsforellen sowie Rinderfilets und -backen mit jeweils ein, zwei Häufchen Gemüsepüree serviert. Nachtisch ist ein Balsamico-Birnengelee und eingelegte Cassisfeigen.

Nachhaltigkeitspreise gewinnen u.a. C&A und Cruisler.