Freitag, 10. Juni 2011

Wurstbesuch beim Bürgermeister

Die Empfangsdame im alten Rathaus guckt etwas verwirrt, als ich mit der Leberwurst in der Hand frage, wo denn der Chef sitzt. Sie gibt uns den Tipp: „Laufen Sie mal einfach hoch, 2. Etage, der hat heute Sprechstunde.“

Der Bürgermeister empfängt uns freundlich und bittet uns an den Tisch in seinem Amtszimmer.
Ich erzähle, dass wir aus Halle gekommen sind um für die „gute Wurst“ zu werben und Alternativen aufzuzeigen. Alternativen gegenüber Essen aus der Fabrik.
Ich frage ihn, wie er die Lage sieht – in „Weißenfels der Barockstadt am Schlachthof“, wie draußen ein Witz lautet.
Er war früher selbst Teil der Bürgerinitiative „Pro Weißenfels“ erzählt er, aber jetzt als Politiker sind ihm die Hände gebunden: Verträge zur Erweiterung der Schlachtfabrik wurden vor seiner Amtszeit geschlossen, vieles entscheidet nicht er oder die Kommune, dass machen „die Großen“ in Berlin oder Brüssel.
Er erklärt uns die Abwasserproblematik des riesigen Betriebes, mit der die Stadt zu kämpfen hat. und die Erweiterungsbauten. Er spricht viel, lacht, erklärt sich oft und es wirkt ein wenig so, als wolle er sich bei uns entschuldigen. Er selbst kommt nicht vom Land aber kenne "die gute Wurst“. Er selbst kauft oft im Bio-Laden in Naumburg ein. In Weißenfels gibt es keinen Bioladen.

Die Leberwurst in meiner Hand, schwitzt munter vor sich hin und erfüllt den Raum mit Räucher- und Wurstaromen.

„Und der Verbraucher?“, frage ich und zeige nach draußen. Unter seinem Fenster im Rathaus findet der wöchentliche Wochenmarkt auf dem Marktplatz statt. „...kann man da nicht anfangen“, frage ich. „Jeder Bürger mit seinem Einkauf?“
Der Markt würde ein wenig von der Stadt unterstützt, sagt der Bürgermeister „Das sind aber alles kleine Erzeuger.“ – zu marginal. Richtig einkaufen würde der normale Weißenfelser bei den Großversorgern vor der Stadt. In Shoppingcentern, die bald leer stehen werden, nutzlos, Konsumruinen, befürchtet er. Er hat wenig Hoffnung. „Das System will es so. (...) Da kann man nichts machen.“ Auf dem Wochenmarkt sind heute fast alle über 50 Jahre alt. Besucher sowie die Anbieter, die hinter kleinen Tischen stehen und ihre Ernte von heute anbieten. Ein kleiner nostalgischer Wochenmarkt für Rentner, so scheint es mir.

Gestern Abend war der Marktplatz, bis auf unsere Aktion leer. Kaum ein Mensch auf der Straße. Keine Passanten oder Menschen in Cafés, niemand am Brunnen, in der hübsch sanierten und restaurierten Altstadt. Weißenfels verliert Einwohner. Von den 30.000 sind schon 10.000 "geflüchtet".
Die Schlachtfabrik am Flussufer rechtfertigt sich stets als Schöpfer von Arbeitsplätzen, doch auf der Straße bekommt man zu hören, dass die Arbeitsplätze, von denen viel die Rede ist, fast alle subventioniert sind. Sobald diese Quelle versiegt wird umgesattelt auf günstige Leiharbeiter, viele davon schlecht bezahlt aus dem Osten der EU. Das macht viele wütend.

Vom Bürgermeister erfahren wird, dass der Weißenfelser Fließbandarbeit gewöhnt sei. „Von früher, da wurden Schuhe in der Schuhstadt zusammengebaut.“
Heute werden hier eben tausende Schweine auseinandergebaut. Alles in Akkordarbeit am Fließband.

Am Ende machen wir ein Foto von der guten Wurst in meiner Hand zusammen mit dem Bürgermeister.  „Ich schaue ein wenig traurig“, sagt er, während die Kamera auslöst. Er wünscht uns noch viel Erfolg und dankt für den Besuch.
Draußen kaufe ich krumme Gurken, Spargel, Rettich, Erdbeeren und Zuckerschoten alles  frisch geerntet "heute morgen" sagt der alte Mann, der alles auf einem kleinen Klapptisch anbietet, "ganz in der Nähe."
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