Donnerstag, 20. Oktober 2011

Gibt es ein Recht auf Wurst ?

Diese Frage, ist mir eingefallen, als mir Paula vom WWF von dem Projekt der „Fleischfrage“ erzählte. Sie hat mich gebeten zu dieser Frage in einem Blogpost Stellung zu beziehen, was ich hiermit gerne tue....


Das "Recht auf angemessene Ernährung" ist als Menschenrecht völkerrechtlich verankert – im Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UN-Sozialpakt).
Gehört Wurst dazu? Höchstwahrscheinlich nicht, denn bei diesem Menschrecht geht es vor allem darum, Menschen das grundlegendes Recht, vor Hunger geschützt zu sein, einzuräumen. Das geht auch prima ohne Wurst. Trotzdem bleibt bei mir die Frage warum eigentlich nur wir Schweine vertilgen dürfen wie die Weltmeister und „die anderen“ haben allerhöchstens ein Recht auf Hirsebrei?

Paradoxer Weise trägt die Wurst, die wir heute im Supermarkt kaufen mit dazu bei, dass die Durchsetzung des oben genannten "Rechts auf angemessene Ernährung" in immer weitere Ferne gerät.
Die Masse an Wurst (und Fleisch), die wir hier vertilgen hat längst nicht nur Auswirkungen auf unseren Hüfte sondern bereits auf andere Länder, deren Äcker und Märkte – am Ende auch auf die Menschen, die dort leben.


„Knapp die Hälfte der weltweiten Getreideernte wird an Nutztiere verfüttert“, diesen Satz habe ich gestern bei einem Vortrag der Stiftung Brandenburger Tor von Prof. Dr. Theo Gottwald aufgeschnappt.
Für das Futter der Tiere, die in der JA-Salami landen werden vor allem in den Ländern Südamerikas Unmengen an Wasser verbraucht, Pestizide verspritzt und der wertvolle Wald für mehr Ackerfläche gerodet. Flächen in der Größe von Österreich werden in Übersee schon für die deutschen Schweine, Rinder und Hühner mit Soya belegt. Man spricht von virtueller Landnahme. So steht es in einer neuen Studie vom WWF zum Landverbrauch der Fleischproduktion.

Der immense Hunger nach Soja führt zum Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel und hat damit direkt mit dem Problem des Hungers zu tun. Nicht zu vergessen das Dumping unserer Reste und Überflüsse, die zusätzlich die Märkte vor Ort zum Erliegen bringen.


Dabei war Wurst doch eigentlich ganz anders gedacht

Oma und Opa ging es um die möglichst große Verwertung eines wertvollen ganzen (!) Tieres. Das Fleisch wurde durch die aufwändige handwerkliche Verarbeitung länger haltbar. Selbst aus der Schnauze und dem Kopffleisch kann man etwas Schmackhaftes wie Presskopf machen. Nicht zu vergessen die Blutwurst, die aus dem frisch gerührten Blut, Schwarte und Rückenspeck entsteht. In Italien füllt man auch die Schweinefüße und macht daraus leckere Wurst.
Alles Jahrhunderte alte, handwerkliche Fähigkeiten um auch später noch ausreichend Nahrung von dem Tier zu haben, was man schlachtete.
Während der langen Reife wurde immer wieder nach der guten Wurst geschaut. Sie wurde gepflegt und umsorgt. Fleisch war wertvoll und die Krone des wöchentlichen Speiseplans.






Heute ist das alles lange her. Scheinbar Vergessen.

Handwerklich und regional, in kleinem Rahmen produzieren nur noch wenige. Man muss Sie suchen und leider immer als die absolute Ausnahme betrachten...




Das Recht auf Wurst scheint Heute für viele darin zu bestehen Wurst als Selbstverständlichkeit sehen zu dürfen: Immer und überall Wurst, nebenbei, zum Zeitvertreib, billig, und bitte ohne Gesicht.

Ich denke Wurst ermöglicht, anders als Fleisch, noch leichter die Distanz. Wurst bietet heute für viele noch mehr die Möglichkeit keine unangenehme Erinnerung an den Tod eines Lebewesens spüren zu müssen. Weg vom Tier - hin zu einer homogenen Rosa Masse aus der Aufrissplastikpackung. Was wirklich drin ist, oder was mit dem Rest des Tieres geschieht, fragt man sich nicht mehr.



Wenn man sich Heute als Blutwurstfan outet, oder von einem gut gemachten Presskopf schwärmt, ist sowas erstmal "ekelig" und gehört nicht zum schicken tierabstinenten Wurstkonsum, wie er von den geistfreien Herren Kerner und Pilawa propagiert wird.

„Esst weniger Fleisch!“ lautet die Parole. Klar geht es um weniger. Doch um weniger wovon eigentlich? Einfach weniger von dem Blödsinnsfleisch zu essen, stellt für mich keine Lösung dar. Was mir viel zu häufig in der Diskussion fehlt, ist das Recht auf eine schmeckende, angemessene und vor allem ehrliche Alternative.


Wo ist das Recht auf angemessene und ehrliche Wurst?


Ein Recht auf eine Wurst, die mit Würde und Erfurcht hergestellt worden ist, keine Massenware aus der Fabrik, sondern das (Hand)Werk eines Menschen.
Eine Wurst, deren Grundlage Tiere sind, die die Sonne und die Weide gesehen haben und das gefressen haben, was Schwein und Rind eben so fressen. Natürliches, artgerechtes Futter. Futter, das ohne Gift vor der Stalltür wächst und nicht in einem Land am anderen Ende der Welt.

Ein Recht auf eine Wurst, die einen ehrlichen Preis hat, der die Herstellung von Bauer bis Metzger ehrlich vergütet und den Tieren ein würdevolles Leben ermöglicht.

Ein Recht auf eine Wurst die schmeckt, weil das Handwerk und die Zutaten gut sind. Nicht weil „natürlichen Aromen“ aus Sägespänen oder Raucharoma, die mangelhafte Qualität der Verarbeitung übertünchen.

Von dieser ehrlichen Wurst wird es nicht übermäßig viel geben. Ihre Herstellung ist ein Fest.

Es ist ein Recht auf Wurst, die auch mal nicht da ist, weil es dieses Jahr nicht soviel davon gab oder weil man sie zu schnell aufgegessen hat.

Menschen, die dieses Recht auf "angemessene und ehrliche Wurst" in Anspruch nehmen wissen woher die Wurst kommt, die sie Essen, wer sie hergestellt hat und wer dafür gestorben ist.
Sie bekennen sich zu einer Wertschätzung der Wurst gegenüber und verneigen sich im Genuss vor dem Tier und dem Schöpfer der Spezialität.

Wobei der letzte Satz schon jetzt für alle Esser von Supermarktmortadella gelten sollte –
es wäre jedenfalls ein Anfang!


Additional Wurstliteratur:

Marcus Bauermann - Lust auf Wurst: Bewusst genießen
Wolfgang Müller - Schwein: Das große Kochbuch
Stéphane Reynaud - Schwein & Sohn
Wolfram Siebeck - Das Kochbuch der verpönten Küche


P.S.

Bei zuviel Teewurstkonsum verwechselt man schon mal
Südafrika mit Mecklenburg-Vorpommern.
Jörg Pilawa spricht über die Dreharbeiten an einem Spot für Rügenwalder Teewurst.