Montag, 19. November 2012

Frische Milch, die nicht frisch genannt werden darf


Lange bevor es „längerfrische“ ESL-Milch im Regal gab, war Vorzugsmilch, oder Rohmilch, die Norm. Besonders guter Käse wird heute noch aus ihr hergestellt. Trinken kann man sie auch – noch.

Heute gibt es Vorzugsmilch nur noch bei staatlich zugelassenen und kontrollierten Vorzugsmilchbetrieben. Die strenge Auflagen erfüllen müssen, genauso wie Verkaufsstellen, die diese Milch führen wollen. Rohmilch muss während 96 Stunden nach dem „zapfen“ getrunken werden. „Bei Rohmilch geht es um Hygiene, Hygiene und Hygiene“, erklärt uns der Bauer am Stand auf der Slow Fisch in Bremen. Dazu gehört „die Gesundheit der Tiere, die Gesundheit der Menschen die in Kontakt mit den Tieren und dem Produkt stehen, die Sauberkeit der Leitungen, des Abfülltanks, der Verpackungen, eines jeden einzelnen Produktionsschrittes.“
Viele Kontrollen bestimmen den Alltag der Erzeuger. Die notwendigen Vorschriften werden jedoch immer schärfer, die Grenzen was amtlich als „sicher“ gilt wird immer enger. Teilweise sind die Anforderungen so extrem, erzählt der Landwirt, dass es für viele Betriebe schlicht nicht mehr möglich ist Schritt zu halten. „...denn selbst nach diesen vielen Kontrollen wird der Rohmilch von der Lebenmittelkontrolle immer noch „ein gewisses Restrisko“ beschienen.“, erklärt er „Mit diesem Wort sind sie als Produzent eigentlich raus.“ Dazu kommt noch ein vermeintlicher EHEC Verdacht im letzten Jahr.
Die Zahl der Vorzugsmilchbetriebe wird kleiner und kleiner.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Lebensmitteltechniker vor wenigen Wochen, der mir aus technischer Sicht erzählte warum „frische Milch“ aus dem Supermarkt mit dem was aus dem Euter kommt, nicht mehr viel zu tun hat. Die Milch wird üblicherweise in ihre Bestandteile zerlegt, abgekocht, homogenisiert und und dann wieder mit dem gewünschten Fettgehalt zusammengefügt.

Der lustige Unterschied ist: Diese rekombinierte Supermarktmilch darf sich „frisch“ nennen, die Rohmilch hingegen nicht.

Wenn wir nicht aufpassen wird frische Milch, also Rohmilch, bald auch ein Produkt für den Schwarzmarkt werden. Von guter Wurst bin ich es mittlerweile schon gewohnt sie unter dem Ladentisch zu kaufen. Frische Milch wird ihr bald folgen...

P.S. Als ich meiner Mutter von der Begegnung mit dem Bauern berichte erinnert sie sich, dass sie früher immer die Straße runter gelaufen ist und Rohmilch gekauft hat.“Obwohl dort ein großer Hund wartete, der den Laden bewachte“. Trotzdem gab es bis zur 4.Klasse täglich Rohmilch zu trinken. Ich bezweifle, dass es heute noch die Möglichkeit gibt in Otterndorf Rohmilch zu kaufen.
Dabei schmeckt sie so rahmig, vollmundig, kräftig und samtig-sahnig, dass wenn immer ich dran komme sie kaufe und genieße.
Ich hoffe meinen Kindern diesen Geschmack auch noch zeigen zu können.

Mehr Informationen zum Verband der Vorzugsmilcherzeuger unter .... http://www.milch-und-mehr.de/ 

Kommentare:

  1. Als ich noch Kindergarten- und Grundschulkind war, hat mich meine Mutter auch fast täglich zum Bauern den Hügel hoch geschickt, der mir dann soviel FRISCHMILCH in die verbeulte Kanne gefüllt hat, wie ich tragen konnte. Da der Deckel aus Altersgründen nicht mehr passte, wurde die Milch offen nach Hause transportiert. Ich lebe heute noch! Habe aber keine Lust, für Vorzugsmilch in ein großes westliches Kaufhaus zu reisen.

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  2. Bin auch Kannenkind und habe es geliebt. Abkürzung im Winter über die Schweinekoppel direkt in den Kuhstall zu Bauer Ehlers, der im Stall gemolken hat. Seine große Kanne brauchte er nur ein wenig kippen und schon floss das gute Zeuch in meine Kanne. Kuhwarm ins Glas zum Abendbrot!!! LEGGA...

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  3. Wir sind früher oft umgezogen und haben trotzdem immer schnell einen Bauern gefunden, der uns Rohmilch verkauft hat. Wir hatten einen Flaschenkasten mit 6 Glasflaschen, die jede Woche aufgefüllt wurden. Ich würde empfehlen: Einfach mal fragen. Mehr als nein sagen kann der Bauer nicht.

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  4. Ich kenne aus meiner Kindheit sowohl frische Milch vom Bauernhof als auch vom Milchbauer. Auf der Slowfisch bei der Milchverkostung habe ich nach sehr vielen Jahren wieder diesen Geschmack im Mund gehabt.

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  5. Tja, ich fürchte, dann bin ich (Mitte 30) schon verzogen. Ich hab mit 14 mal auf nem Bauernhof in Südtirol Rohmilch getrunken. Ich weiß nicht mehr, ob die eine halbe oder zwei Stunden alt war, evtl. durfte man die auch nur innerhalb zweier Stunden trinken? Jedenfalls fanden wir den Geschmack seltsam.

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  6. Ich habe das Glück in der Nähe eines Bauernhofes zu leben, der die Rohmilch über einen in einer Hütte aufgestellten Automaten rund um die Uhr zum Verkauf anbietet. Das ganze ganz unkompliziert: Man kauft sich eine dort erhältliche Flasche oder bringt eigene Behälter mit. Überall hängen Schilder, dass die Milch nur abgekocht getrunken werden darf. Daneben ein Spender mit Bechern und dem Hinweis, dass diese nur für den Trinkwassergebrauch gedacht sind. Im Abfalleimer darunter die gebrauchten Becher – alle mit Rohmilchresten drin. Mittlerweile gibt es dort im Sommer auch Eis aus Rohmilch.
    Unnötig zu sagen, dass der Automat regelrecht von Kunden belagert wird. Die Meisten trinken erst mal einen Becher und halten ein Schwätzchen. Es geht zu wie in einer netten Kneipe. Es kann also alles so einfach sein. Ich frage mich, warum nicht mehr Erzeuger diesen Weg gehen.

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    1. "Mittlerweile gibt es dort im Sommer auch Eis aus Rohmilch."
      Steht dann da auch ein Schild, dass man das Eis vorher abkochen muss?
      SCNR.

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