Montag, 29. April 2013

Der kulinarische Patient - Text im REVUE Magazine


Im aktuellen REVUE Magazin zum Thema "Communities" findet Ihr einen Artikel von mir, der sich mit der aktuellen kulinarischen Krise, gemeinschaftlichen Lösungsansätzen und Zukunftsaussichten beschäftigt.

Hier findet Ihr einige Text-Ausschnitte aus meinem Artikel...



Der kulinarische Patient







Die Wunde 

Essen kommt aus dem Supermarkt. Lebensmittel fliegen dort von irgendwoher ins Regal und landen schließlich in unseren Küchen und auf unseren Tellern. Lebensmittel sind zu UFOs geworden. Unidentified Food Objekts. Wir wissen all zu oft weder woher das Lebensmittel kommt, noch wer es hergestellt hat oder was dazu notwendig war, um es herzustellen.Wer seine Lebensmittel auf den Wochenmarkt kauft, kann sich als romantischer Exot verstehen, denn der Einkauf beim Erzeuger ist die Ausnahme. Nur noch wenige Stadtmenschen kennen einen Bauern. Die Norm ist der anonyme Wareneinkauf am Regal.

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Immer seltener wird in immer weniger Familien regelmäßig gekocht. Der Esstisch als zentrales Einrichtungsmöbel verliert an Bedeutung. Gegessen wird nebenbei, auf dem Weg, zwischendurch, häufig allein und ohne Gemeinschaft aus Alupresspappe und derTiefkühltruhe. Nahrungsmittelkonzerne stellen sich auf den Trend der Wohnung ohne Küche ein.

Einher damit geht die Erosion des Kochwissens, das über Generationen weitergegeben wurde. Wenn ein hochausgebildeter Akademiker heute seinen Kindern mehr als 10 Gemüsesorten nennen kann, ist das viel. Mit dem Steak vom Kobe-Rind und den gebratenen Jakobsmuscheln vom letzten Geschäftsessen lässt sich unterdessen gut der Status untermauern. Was ein Teltower Rübchen ist oder wie eine Kerbelrübe schmeckt ist jedoch weitgehend unbekannt. Man kocht viel lieber »Asia« oder »Mediterran« aus dem Discounter mit Würzmischungen von telegenen Kochgurus, die gleichzeitig Werbung für Fast-Food Konzerne und Fitnessstudios machen. Kochmagazine und Kochsendungen haben Hochkonjunktur. Doch die kulinarische Pornografie auf allen Kanälen führt nicht dazu, dass mehr Familien zusammen essen, sondern gleicht vielmehr einer mediale Selbstbefriedigung bei eigener geschmacksästhetischen Phantasielosigkeit. Die aktive und alltägliche Kochpraxis fehlt.

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Heilungschancen?

 Anfänge, die sensibilisieren und ein neues Verhältnis gegenüber Lebensmitteln schaffen, sind gemacht. Die ersten Konsequenzen sind ebenfalls spürbar. Doch so beruhigend diese ersten Pflaster wirken, braucht es gleichzeitig ein Verständnis der umgebenden Realität, die immer noch zu gut 95 Prozent der Fälle bestimmt, was auf dem Teller und im Magen landet. Wer verkapselt in Insellösungen denkt und selbstgefällig agiert, findet sich schnell in einer Sackgasse. Es braucht die Konfrontation mit der Komplexität von Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung.




Die gemeinsame Agrarpolitik der EuropäischenUnion (CAP), deren Subventionen für die generelle Entwicklung auf dem Acker und somit auch auf unserenTeller immer noch entscheidend ist, geht in eine andere Richtung, als Biomarkt und Urban Gardening glauben lassen. Es wird immer noch auf eine Erdöl- und pestizidintensive industrielle Landwirtschaft mit all ihren Folgen gesetzt.

Nahrungsmittelproduzierende Betriebe geraten gegenüber denjenigen, die auf das Verbrennen von Lebensmitteln setzen, finanziell in Nachteil. Doch in endlosen Maislabyrinthen und auf toten Böden, wie sie uns bevorstehen, wird nur schwer Platz für einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten sein.

Nur 6 Prozent der deutschen Bauern ist heute noch jünger als 35. Die Mehrheit der alten Bauern in Deutschland hat die Hofnachfolge noch nicht geregelt. Jungbauern, die hochmotiviert und mit neuen Ideen und Konzepten auf dem Acker durchstarten wollen, finden kein bezahlbares Land. Landgrabbing, also die Landnahme in großen Ausmaßen durch Investoren oder große Konzerne, ist nicht nur in Afrika, sondern mittlerweile auch in Brandenburg und Bayern ein Problem.

»Meinen Acker kann ich nicht in eine Kiste verfrachtenund einfach damit abhauen.« gab ein Bauer dem Autor einst mit auf den Weg, als er mit ihm über Urban Gardening sprach. Für ihn gehört zur Landwirtschaft elementar die Verantwortung für die eigene Scholle.

Und noch eins: Kulinaristik ist nach wie vor kein Schulfach. Ein profundes Wissen über die eigene Ernährung und deren eigenständige Zubereitung gehört bislang zu keinem einzigen Schulabschluss. Wer nicht begreift, dass zur gemeinschaftlichen Horizonterweiterung Kochen genauso wie das Erlernen einer Fremdsprache gehören muss, bringt den kulinarischen Wissenstransfer zum veröden und überlässt ihn Fast-Food Gurus auf Flachbildschirmen. Den inzwischen globalisierten Gemüseeintopf mit Bockwursteinlage wieder zu re-lokalisieren, verbunden mit der Fähigkeit diesen eventuell selbst auch ernten und kochen zu können, wird kein leichter Weg sein und erfordert neben einem gemeinschaftlichen Produktions-, Einkaufs- und Genussengagement auch ein politisches Engagement.

Es erfordert eine Wiederverbindung mit denen, die Lebensmittel anbauen, ernten, verarbeiten und kochen, denn diese Verbindungen scheinen zu großen Teilen gekappt. Am Ende wird es aber immer eine Gemeinschaft am Tisch erfordern, die bei einem guten Essen zusammensitzt. Denn bei einem gehetzt verschlungenem Burger werden keine sättigenden Ideen sprießen und keine neuen Kräfte für einen gemeinsamen Wandel entstehen.


Das REVUE Magazin bekommt ihr im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder online. Im Magazin finden sich auch Artikel von Maxim Biller, Jay Cousins, Peter Kruse, Alex Hillmann, Charles Snow und Shaun Abramson. Das Cover stammt aus der Feder (oder besser Schere) von Rachel Libeskind.

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