Dienstag, 21. Mai 2013

Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte

Michael Pollan's Schriften begleiten mich schon länger. Der US-amerikanische Journalist und Professor der UC Berkeley erkundet seit Jahren die Irrwege westlicher Ernährungsweisen. In Büchern, wie das Omnivoren Dilemma geht er heutigen Produktionsrealitäten in Amerika auf den Grund und zeigt auf, zu welchen desaströsen Entwicklungen die Ernährungsindustrie dort inzwischen geführt hat. Seine Recherchen lieferten unter anderem die Grundlage für Dokumentationen wie Food Inc.

In mehreren Sachbüchern versucht Pollan darüber hinaus Auswege aus dem Dilemma zu finden. Die Essenz seiner Erkenntnisse hat er in über 80 "goldene Regeln" eingekocht und mit Regeln aus seiner Leserschaft abgeschmeckt. Die amerikanischen Ausgabe der "Food Rules" steht schon etwas länger in meinem Bücherregal. Die Regelsammlung auf deutsch ist jetzt in neuem Gewand im Kunstmann Verlag erschienen.

"Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte."


Diese Regel war immer eine meiner Lieblinge der Pollanschen Food Rules. Schön, dass Sie nun, wenn auch etwas lang, der Titel des Buches ist, das im April erschienen ist. 
Auch wenn es sich so anhören mag, die bunte Regelsammlung besteht weniger aus Gesetzen als vielmehr aus kleine Merksätze, die anregen weit über den Tellerrand hinauszudenken. Tatsächlich sind die Sätze am stärksten, die am weitesten von schwarz-weißen Regeln entfernt sind und in ihrer provokanten Einfachheit eine ganze Ernährungskultur in Frage stellen.

"Meiden Sie Produkte, die Zutaten enthalten, 

die ein Drittklässler nicht aussprechen kann."


Den größten Unterschied zu den vorherigen Ausgaben machen die Illustrationen von Maira Kalman, die das Buch innen und außen schmücken. Man merkt schnell wie viel ein wenig Farbe und Kreativität ausmachen können. Durch die Malerei Kalmans bekommt das ganze Büchlein etwas Frisches und Leichtes, was in seiner oft selbstironischen Art großartig zum Charakter des Buches passt und dafür sorgt, dass es sich auch optisch gravierend von bekannten Ernährungsberatern und anderen Kaloriezählern unterscheidet. Die krachbunten, malerischen Bilder nehmen Schwere und zeigen bisweilen hier und dort, dass nicht alles wortwörtlich zu nehmen ist. Ganz nach der letzten Regel des Buches:

"Brechen Sie ab und zu die Regeln." 


Einige Regeln erscheinen einem hier in Europa etwas seltsam. Regeln wie "Meiden Sie Nahrungsmittel, die fructosereichen Maissirup enthalten." oder "Was durch das Fenster Ihres Autos zu Ihnen gelangt, ist kein Lebensmittel." haben in "Drive-In"-Amerika sicher höhere Relevanz als hierzulande. Doch so ermöglicht das kurzweilige Büchlein auch eine Blick auf die fatalen Entwicklungen auf der anderen Seite des Atlantiks.
Die "Goldenen Regeln für gute Ernährungen" lesen sich daher auch als ein sympathischer Weckruf und sollten uns Warnung sein wohin der Weg führt, wenn wir uns an Regeln wie "Kochen Sie." oder "Essen Sie Lebens-Mittel." erinnern müssen.

Am Wochenende zieht der alte Esstisch meiner Großmutter in meine Berliner Wohnung ein. Daran hoffe ich eigentlich nur die Regel 24 zu gebrauchen:

"Wenn Sie echte Lebens-Mittel essen brauchen sie keine Regeln." 


Oma sähe das sicher genauso und würde freudig mit mir daran speisen.




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