Dienstag, 6. August 2013

"Deutschland fürchtet Veggie-Days mehr als die totale Überwachung."

Das Problem liegt woanders.

Ich erinnere mich an das Gespräch mit einer Mensa-Leitung während meiner Hochschulzeit. Wir Utopisten hatten die wahnwitzige Idee es könne frischen regionalen Salat von einem Bio-Hof vor den Toren der Stadt in der Uni-Mensa geben, oder zumindest ein Ratatouille aus der Vielzahl an Gemüsen, die dort wachsen. Im Sommer kam es zu regelrechten Schwemmen, sodass die Gärtnerin nicht mehr wusste wohin mit dieser Masse an Gemüse und Salaten. Warum also nicht alles in die 3km entfernte Mensa bringen und 1000sende Studenten damit satt machen?
Mit offenem Mund erfuhren wir jedoch, dass Gemüse von der Mensa nur noch gewaschen, fertig geschnitten und eingeschweißt angenommen wird, Kartoffeln nur noch fertig geschält in großen Plastiksäcken in die "Küche" gelangen. Das sogenannte "Bio-Essen" kam tiefgekühlt aus rund 400km Entfernung angekarrt und wurde in den großen Wannen nur noch aufgetaut. Heraus kam wie vielerorts nur noch ungenießbarer Gemüsematsch und Salate so knackig wie Gummihandschuhe, verfeinert mit dem Besten aus Eimern voller Verdickungsmittel, Fertigsaucen und Geschmacksverstärker. Wer Autoreifen und schleimige Grütze ernsthaft als Alternative zu Fleisch anbieten will, wird keinen Erfolg haben - auch wenn der Autoreifen "Bio" ist.

Viele Einrichtungen zur Massenverpflegung besitzen zwar noch Räume, die Küchen genannt werden, in denen das Kochen aber nicht mehr passiert. In der Mehrzahl unserer Mensen und Kantinen wird nicht mehr gekocht, es wird nicht mehr geschnippelt, es wird nicht mehr mit frischen Zutaten gekocht. Es gibt dafür schlicht kein Platz mehr. Platz ist nur mehr vorhanden für Regenerierungs-Automaten und riesige Fritteusen, die Tiefgekühltes und Vorproduziertes auf verzehrfähige Temperaturen bringen.

Ich kenne die dunkle Zukunft der Außer-Haus-Verpflegung, die man sich auf vielen Messen anschauen kann. Der tiefgefrorene Klötzchenbaukasten aus dem Chemieunterricht, der hier Mittagessen genannt wird hat mit einem frisch gekochten Mittagessen soviel zu tun wie Lego mit Architektur. Es ist eine Idee von einem Haus - darin wohnen kann man nicht.

Fleisch ist in der Regel eine leicht zubereitete Speise, vorallem wenn man sich wie in den Mensen nur auf die zum Kurzbraten geeigneten Teile wie Filet und Bratwurst beschränkt. Danach wird meist noch alles paniert und in Fett gebacken. Eine zerkochte Matschkartoffel aus dem Vakuumbeutel mit zähem Tapetenkleister als sogenannter "Sauce" kann dagegen keine Chance haben.
Sind wir ehrlich: verkochte Kartoffeln sind im Zweifel immer ein schlimmerer Genuss als eine etwas zu lang gegrillte Wurst.
Sofern sich an der katastrophalen Lage der Gemüseküche in den Mensen und Kantinen nichts ändert wird auch mehr Fleisch gegessen werden, da es im Zweifel leckerer ist.

Warum gibt es nicht EINE geile Suppe in der man baden möchte? Warum nicht EINEN richtig fetten Salat mit allem Zick und Zack aus dem Garten nebenan? Wieso ist alles, was uns "als Alternative" einfällt billige Fleischkopien aus Tofu mit Geschmacksverstärker bis zum Papillentod? Wo sind die Mehlspeisen für die man sterben möchte? Wo die Spätzle mit echtem Käse? ...und wann wird wieder gekocht anstatt "regeneriert"?

Der Gewinn ist nicht klar, die Vorstellung über den Verlust um so deutlicher.
Was herrscht ist große Verlustangst, die keinen starken Gegenspieler hat. Dies kann nur die Freude auf das sein, was statt des Fleisches kommen wird. Solange die Verhältnisse so bleiben wie jetzt, wird der Gegenwind so zäh bleiben, wie das regeneriert Cordonbleu mit Analogkäse aus der Kantine.

Fangen wir also endlich an uns für Gemüse und das frische Kochen von geilen Alternativen stark zu machen anstatt großspurig und medienwirksam das Fleisch verbieten zu wollen.

Es ist immer schwieriger für etwas zu sein als gegen etwas.

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