Montag, 23. September 2013

Zu Besuch bei den Supermarkt-Tomaten

Bevor ich in das Gewächshaus zu den Tomaten darf, muss ich mir ein Kittel umwerfen und Schuhüberzieher anziehen. Nur die Kopfhaube darf ich liegen lassen, da ja mein Hut die Haare bereits gut zurückhält. Auf Hygiene wird hier peinlichst geachtet. Die sogenannten “Ready to eat“ Tomaten sollen sofort essbar sein und das am Besten ungewaschen.
80% Prozent der hier geernteten Tomaten landen im Supermarkt, viele davon in Deutschland bei Aldi, Rewe und Edeka. Dies dauert von der Ernte bis zum Regal nicht einmal 24 Stunden. Zu Gast bin ich bei einem Spezialisten für kleine Tomaten. Von diesen exportiert der Betrieb pro Woche ca. 10 Millionen kleiner roter und gelber Bällchen nach Deutschland.



Vorher sind wir Kilometer lang durch ein Labyrinth aus Gewächshäusern gefahren. Die Gemeinde Westland, 70km südlich von Amsterdam, ist in den letzten Jahrzehnten fast gänzlich unter Glas verschwunden. Die Wohnhäuser an denen wir vorbeikommen sind von Glashäusern umgeben. Diese beginnen oft gleich hinter der Terrasse. 
Die Gärtner von Westland sind stolz auf das, was sie hier geschaffen haben, auf ihren Erfolg am Markt und die Mengen, die man hier unter dem Glasdach produzieren kann.
Doch während meiner Zeit in Holland höre ich auch andere Stimmen. Als ich später in Amsterdam erzähle, dass ich in Westland in den Gewächshäusern war, ist die erste Frage eines Mädchens, die von dort stammt „it’s pretty ugly, huh?“.


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Ich bin zu Gast in den Gewächshäusern der Firma Greenco, einem Familien Betrieb, wie der Gärtner öfter betont. Die Tomatenzucht geht hier Generationen zurück. Auch in den anderen Betrieben, die wir besuchen (Auberginen und Paprika) ist dies der Fall.
Dennoch wird mir schnell klar, dass man sich unter Familienbetrieb keine kleine Gärtnerei vorstellen darf, bei der Großvater mit Strohhut die Tomaten streichelt. Es sind riesige Hallen in denen hier mittlerweile auf vielen Hektar Gemüse produziert wird.
Als die vorherigen Generationen anfingen Gemüse unter Glas zu züchten, waren die Gewächshäuser noch nicht so hoch, erfahre ich. Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass das Klima und die Luftumwälzungen in den höheren Häusern deutlich gleichmäßiger sind, weshalb die hohen Glashäuser zum unübersehbaren Wahrzeichen von Westland geworden sind.
Da ich in einem konventionellen Tomatengewächshaus unterwegs bin, ist eine der ersten Fragen, die ich an den Gärtner habe, wie oft die Tomaten hier denn gespritzt werden. Vorher hatte ich mir fleißig die verschiedenen Chemikalien herausgeschrieben, die beim Anbau erlaubt sind. „Eigentlich gar nicht“, entgegnet der Gärtner dann jedoch zu meiner Überraschung und deutet auf die Hummeln, die hier überall herumfliegen und die Tomatenblüten bestäuben. (Später bei den Auberginen sind es sogar ein Menge Bienen, die auch auf meiner Kamera gerne herumkrabbeln.)



Wenn hier gespritzt würde, stürben die Hummeln, genauso wie die Nützlinge, die im Gewächshaus umherfliegen und den Schädlingsbestand klein halten, erklärt der Produzent. Die kleinen Helfer sind viel zu teuer, als dass er deren Tod riskieren würde. Bei besonders starkem Befall reist er lieber die einzelnen, betroffenen Pflanzen ganz aus dem Gewächshaus, als einfach los zu spritzen.

Der Holländer, der die alternativen Schädlingsbekämpfer in die Glashäuser gebracht hat, heißt Jan Koppert und war in den 1960er an einer Allergie gegen Pestizide erkrankt. Seit dem liefert seine Firma die kleinen, fliegenden und krabbelnden, alternativen Gegenmaßnahmen.
In allen Häusern, in denen wir heute zu Gast sind, setzt man auf dieses komplexe System aus Fliegen, Schlupfwespen und anderen Krabbelleien. Ein sensibles Gleichgewicht von Schädlingen und Nützlingen, das viel Fingerspitzengefühl erfordert und offensichtlich wertvolles Geld kostet.





Dieses System ist nur eine Entwicklung, die man hier gerne als „Tomatenwende“ bezeichnet. Viel habe sich geändert im Vergleich zu früher. Die als „schnittfestes Wasser“ verspotteten holländischen Tomaten wurden früher grün, also unreif, geerntet. Heute dürfen die Tomaten am Strauch reif werden. Statt einer immer gleichen Sorte baut man inzwischen über 80 an.

Geschmacklich war ich nicht allzu herbe enttäuscht. Eine gewisse Geschmacksvielfalt war vorhanden. Diese war besser als ich es gedacht hätte. An die wohlschmeckenden Freiland-Sorten und lokalen Spezialitäten, die ich kenne, kamen die vielen Hybridsorten jedoch oft nicht heran.

Auch in Sachen Energieversorgung hat sich einiges getan. 95% der Gärtner nutzen inzwischen Kraft-Wärmekopplungsanlagen, das heißt Sie produzieren Strom für Wohnhäuser aus Erdgas und nutzen die abfallenden Wärme für die Beheizung der Gewächshäuser. Damit nicht genug, von Kraftwerken aus dem Norden Hollands werden über lange Leitungen dort entstehendes CO2 in die Gewächshäuser geleitet, als Nahrung für die Tomatenpflanzen.




Auf dem Weg zu den Auberginen besuchen wir das neue Erdwärme-Kraftwerk, das aus 3 km Tiefe 90 Grad warmes Wasser nach oben fördert. Dieses warme Wasser wird im Anschluss über komplexe Rohrleitungssysteme in die Gewächshäuser geleitet und sorgt dort auch im Winter für Temperaturen unter denen die Tomaten wachsen.

95% des Wassers, was zum Wässern verbraucht wird, ist Regenwasser, was vom Dach in die Gewächshäuser geleitet wird. 4 Liter reichen dabei für 1 kg Tomaten – im Freiland sind es über 60 Liter, da der Boden durchlässiger ist erzählt man uns. Im Gewächshaus wachsen die Tomaten nicht in gewöhnlicher Erde sondern in einem Substrat aus Steinwolle, das aus Steinen aus der Eifel gewonnen wird. Über Sonden werden die Tomatenpflanzen mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Alles Computergesteuert auf das Milligramm genau. Die verbrauchte alte Steinwolle wird später zu Baustoffen recycelt.






Es ist ein technisch hochkomplexes System, das viel Kontrolle erfordert. Beim Auberginenproduzent lasse ich mir Kurven am Computer zeigen, von wo aus alle Prozesse in diesem geschlossenen System kontrolliert und steuert werden.
Die Herausforderung der Nachhaltigkeit wird hier vor allem als technisches Problem gesehen, das es zu lösen gilt. Auch wenn man nach wie vor von Öl und Gas abhängig ist, hat man mittlerweile eine Vielzahl von Lösungen entwickelt um davon unabhängiger zu werden. Das Thema Nachhaltigkeit bedeutet hier auch Geld und Ressourcen einzusparen.

Wofür allerdings jedes Jahr Hunderttausende ausgegeben werden müssen ist das Saatgut, das vor allem von großen Konzernen wie Syngenta bezogen werden muss. Ein Kilogramm der hochspezialisierten Tomatensaat kostet zwischen 70.000 und 80.000 Euro. Bei manchen Sorten kann der Preis schon mal beim Doppelten liegen. Das Kilo Saatgut reicht dann für gut 5 Hektar Tomaten unter Glas und muss jedes Jahr aufs Neue erworben werden, da es sich um Hybridsaatgut handelt. Die Hybridsaat entstammt einer Inzuchtlinie und taugt nicht zur Vermehrung. Doch nur diese Sorten garantieren die, für den Handel wichtigen, gleichbleibenden Formen und Erträge.
Den Preis, den man für diese Sicherheit zahlt, ist die Abhängigkeit von den großen Saatgutfirmen. Die Eigenentwicklung von vermehrungsfähigem Saatgut will und kann man noch nicht selbst stemmen, erfahre ich. Saatgutentwicklung kostet viel Geld und Zeit (7-10 Jahre für eine neue Sorte). Das will man hier (noch) nicht investieren. Ein Thema für die Zukunft sieht man darin allerdings schon.

Durch die Tomatenhybriden sind nur 2% der Produktion „Food Waste“ erfahre ich. Wobei man auch hier versucht über eine Verarbeitung zu Gazpacho eine Verwendung für diese Misfits zu finden.

Ich muss an den Bio-Gärtner aus Berlin denken, der mir erst letztens stolz von den samenfest Freilandtomaten erzählt hat, die er ganz ohne Gewächshaus anbaut. Selbst einem heftigen Hagelschauer haben sie überstanden. Er war begeistert von der robusten Widerstandsfähigkeit der Saat, die er auch im nächsten Jahr noch anpflanzen kann.
Angesichts des hochoptimierten Systems, was sich mir hier in Holland zeigt, merke ich auch wie verletzlich das System ist, sollten sich äußere Faktoren ändern, was angesichts des Klimawandels keine ferne Hypothese ist.



Kinder essen lieber knubblige, rote Clownsnasen als „gesunde Tomaten“. Deshalb setzt man im Angebot und Anbau in den letzten Jahren immer mehr auf „snackbares“ Gemüse, also kleine Tomaten und Paprika, die schnell in den Mund gesteckt werden können. Vor allem Kinder soll so der Zugang zum Gemüse erleichtert werden.
Diese Fokussierung ist aber auch eine Reaktion auf den Rückgang den frisches Gemüse in den Supermärkten erlebt. Immer seltener kaufen Kunden frisches Gemüse um damit zu kochen. Wenn schon Gemüse, dann bitte praktisches Convinience.
Schade denke ich, denn wer nicht mehr kocht und schnippelt sondern nur noch aufreißt und snackt wird bald kein Interesse mehr an besonders aromatischem Gemüse haben, das eine Verarbeitung erfordert. Der- oder Diejenige wird wenig von der Aromavielfalt erfahren, den über 2.500 verschiedene Tomatensorten haben, die weltweit existieren.

Der Teufel auf der einen Schulter sagt, "wenn wir Kindern abgewöhnen leckeres Gemüse zu essen, sondern nur noch lustige rote Bällchen mit ungewisser Herkunft füttern, werden sie das Verständnis für die Herkunft und das Kochen verlieren." "Immer noch besser als ein zusatzstoffgefülltes Schokobällchen", ruft der Engel auf der andern Schulter. Ein Zwiespalt.

Desto mehr Sorten sich im Angebot befinden desto erklärungsbedürftig wird das Produkt Tomate. Über Werbekampagnen bemühen sich die Produzenten Paprika und Tomaten immer wieder ins Gespräch zu bringen. Kunden gilt es zu erklären, dass Tomaten nicht immer rot sein müssen, sondern auch gelb sein können, oder grün gestreift. Man setzt dabei vor allem auf den Gesundheitsaspekt und die praktische Anwendung.
Neben diesen Aspekten muss auch das Kochwissen und das Wissen woher unser tägliches Gemüse stammt dazu gehören, denke ich. Nur wenn ich begreife, wer mit welchen Mühen eigentlich hinter meinem Essen steckt, kann ich es wertschätzen, ja verstehen. „Tomaten wachsen bei uns eben nicht an einem romantischen Baum, sondern in einem Gewächshaus, dem man von außen nicht ansieht, was darin passiert“, fasst der Paprika-Gärtner treffend sein vermeidliches Dilemma zusammen.

Neben dem oft vorgeschobenen Zeitmangel sich mit der Herkunft zu beschäftigen, haben wir vielleicht sogar Angst davor uns mit Realitäten zu konfrontieren, denke ich auf dem Nachhauseweg, weil wir um unser schwarz-weißes Bild von Landwirtschaft fürchten.



In Westland reagiert man auf Verbraucherwünsche schneller als früher, das betonen die Produzenten immer wieder. Das Feedback ist heutzutage direkter und scheint anzukommen. Zu kämpfen hat man unterdessen mit den Realitäten im Handel. Kaum ein Supermarkt weist aus, welche exakte Tomatensorte, mit welcher genauen Herkunft und Anbaumethode vor einem liegt. Dort ist es Heute diese Tomate aus Holland, Morgen diese aus Spanien, die verkauft wird. Da fällt es schwer für eine Sortenvielfalt, die Herkunft und die wirklich unterschiedlichen Anbaumethoden zu sensibilisieren.

Dennoch liegt es vor allem an uns die Tomatenwelt zu bestimmen in der wir leben wollen, sei es im Supermarkt oder beim Gärtner um die Ecke. Kaufen wir ausschließlich „Snack-Tomaten“ oder auch Tomaten, wie die Ochenherzen, die in der Pfanne dahin schmelzen oder überbacken aus dem Ofen kommen. Fragen wir danach woher die Tomaten kommen und wer sie angebaut hat? Wollen wir wissen wem das Saatgut gehört?

Der Trip zu den Supermarkt-Tomaten war für mich voller Überraschungen. Ein wichtiger Puzzelstein zum Gesamtverständnis der Lebensmittel-Welt, die uns umgibt.



Kommentare:

  1. Ein wirklich überraschender, differenzierter Artikel mit beeindruckenden Fotos - großartig! Es ist beruhigend zu sehen, dass es auch noch Großunternehmen gibt, die ohne Stacheldraht-Umzäunung auskommen...

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  2. Danke für diesen Bericht, der bestimmt dazu beiträgt, das Schwarzweißbild von Lebensmitteln (bio vs. konventionell, Klein- vs. Großbetrieb, geschmacklose Hollandtomaten vs. aromatischen alten Sorten) differenzierter zu zeichnen. Besonders interessant finde ich, dass so breit auch im konventionellen Anbau schädlingsbekämpfende Nützlinge zum Einsatz kommen.

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  3. super Bericht, keine super Aussichten für die Zukunft.
    Mit Äpfeln machen sie das genauso.

    Lebensmittel wertschätzen und die Arbeit derer wertschätzen, die sich damit
    beschäftigen, wird angesichts dieser Monokultur wieder deutlich schwieriger.

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  4. toller Bericht! Danke!
    Chrissy aus Berlin

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  5. super Artikel, danke dafür!

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  6. Mhm. Es ist nicht davon auszugehen, dass wir den Bedarf an Tomaten durch Freilandbauern decken können, selbst wenn man nicht vom saisonunabhängigen Einkauf redet. Dieses System scheint mir immerhin nicht so gruselig zu sein, wie ich es mir vorgestellt hätte.
    Wünschenswert wäre allerdings, wenn auch die Tomaten aus Großbetrieben differenzierter ausgezeichnet wären und die Saatgutmonopolisten vermehrt durch samenfeste Vielfalt abgelöst würden.

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    1. dem kann ich nur beipflichten - insbesondere dem letzten Punkt

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  7. toller artikel und wirklich tolle fotos.
    danke

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  8. Die nächste Reise dann bitte zu den Tomaten in Spanien. Nur mal so zum Vergleich und um zu sehen, wie man es besser nicht macht.

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  9. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel und die tollen Bilder. Schließe mich syvi25 an, den nächsten Artikel bitte aus Spanien.

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    1. Die Natur ist so geschaffen, dass sie sich vermehrt. Es wird künstlich im Gen genau dieses ausgeschaltet, so dass Saatgut gekauft werden muss. Wie legt man nur diesen Nahrungsmittelspekulanten und Genverdrehern das Handwerk. Eine solche Natur-Veränderung müsste hart bestraft werden. Tja, was wir tun können: Jeden Balkon, jedes Dach und jede andere freie Stelle mit Nahrungsmitteln bepflanzen und selbst Samen ziehen. Die Läden meiden oder sogar jeden, der den Laden betreten möchte, kurz und freundlich informieren.

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  10. guter artikel..... informativ..... und überraschend - im hinblick auf die hummeln und bienen und sorten...... und wieder tolle fotos.
    quintessenz : eßt mehr bio :)))))
    thomas lang

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  11. wieder ein booombenbeitrag lieber wurstsack!!!

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  12. toller beitrag, tolle fotos - vielen dank für die vielen informationen!
    im hinblick auf bio, freiland etc stimme ich dir absolut zu ... aufs kochen lässt sich jedoch auch bei den interessanteren tomatensorten wie ochsenherz etc gut verzichten ... auch die schmecken roh & frisch aus der hand phänomenal lecker & viiiiel besser als die 0815-supermarkt-sorten!

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  13. Ein sehr toller Beitrag, bei dem ich erstmal nachdenken musste wo ich welche Tomaten esse, und auch dass wirklich kaum Beschreibungen der Herkunft/Sorte da sind. Eher schade, bei Äpfeln bekommt man das ja auch hin. Ebenso schade finde ich es auch, dass man wirklich unglaublich viele Sachen fertig kauft. Ich gebe zu, ich hab Himbeeren und Erbse+Karotten im Kühlfach fertig abgepackt. Daneben sind noch reife Bananen und Blaubeeren tiefgefroren die über waren/ die ich in dem Moment nicht essen wollte. Ich denke sowas würde uns weiter bringen, wenn wir mehr portionieren anstatt gleich alles wegzuwerfen.
    Und sehr tolle Bilder! :)

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  14. grün bewusst, bio gekauft7. Oktober 2013 02:58:00 GMT-7

    BÄH- Gentomaten.
    in Deutschland (noch) nicht erlaubt. in Holland zugelassen und hergefahren.
    die Abhängigkeit der Gärtner von Saatgutmanipuliern ist brachial.
    BÄH.

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  15. Es ist aber nach wie vor genetisch verändertes Gemüse was dort unter enormem Energiaufwand "Produziert" wird..

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