Samstag, 16. November 2013

Keine Zeit.

























Auf einem Flohmarkt fiel mir vor ein paar Wochen ein kleines Heft in die Hand. Das Papier war ausgebleicht und hatte Risse. „Trotz wenig Zeit gut gekocht.“ stand dort in großen Frakturlettern seit bestimmt 90 Jahren.

Moment, dachte ich „keine Zeit zum kochen“ dass ist doch das Problem unserer Zeit. WIR haben doch angeblich keine Zeit mehr für die Erhitzung von echten Lebensmitteln in Töpfen und Pfannen.

Auf einmal schlug mir eine Frage in den Kopf: Hatte mein Oma wirklich je „Zeit zum Kochen“ gehabt?

Was würde die Antwort auf diese Frage wohl mit dem lieben „Ich-hab-keine-Zeit“-Argument machen, dass mir so häufig begegnet?

Diese ganz bestimmte Zeitlosigkeit muss als Begründung für soviele Dinge herhalten, dass ich selbst immer wieder erstaunt bin.
Sie ist schuld daran, dass es immer mehr Fast-Food und Convinience Auswüchse gibt, dass Plastikessen mit Zusatzstoffen aufgeblasen werden muss und dass Kinder kein frisches Essen mehr bekommen.

Mein Oma hatte Kinder, es gab viel Feldarbeit zu tun, den Haushalt und viele andere Dinge rund um das Haus und die Landwirtschaft mehr. Besonders viel Zeit hatte sie definitiv nicht. Ich vermute sie hätte sogar gelacht angesichts der Frage, ob sie den „Zeit zum Kochen hätte“, denn Kochen war für sie Alltag und kein Event, nichts Besonderes, was nur am Wochenendes passiert und für das man sich extra Zeit nehmen muss.
Ich glaube für meine Oma wäre das, was wir heute für „Kochen“ halten gar kein „Kochen“ gewesen. Für sie war es Alltag. Etwas das man macht, wie man sich seine Schuhe zubindet, bevor man aus dem Haus geht.

Für uns ist „Kochen“ inzwischen etwas geworden, dass man planen muss, etwas das organisiert werden muss. Kochen muss man abwägen. Fürs „Kochen“ brauchen wir viele Rezepte, Wagen, Küchenmaschinen und Bücher. Jamie Oliver oder Tim Mälzer müssen uns beiseite stehen, sonst wird das nichts. Und das braucht alles wahnsinnig viel Zeit. „Kochen“ kann man nicht einfach so, sondern eigentlich nur noch für einen besonderen Anlass. Eben dann, wenn wir Zeit dazu haben.

Kochen verschwindet so leise und heimlich aus unserem Alltag. Wir werden abhängig von denen, die für uns Kochen. Von TV-Köchen, Fast-Food-Ketten und Nahrungsmittelkonzernen. Sie bestimmen für was wir noch Zeit haben. Sie freuen sich, denn für sie ist unsere kulinarische Zeitlosigkeit ein gutes Geschäft.

Und wir glauben fest daran: zum Kochen haben wir keine Zeit mehr.

In dem kleinen Heft vom Flohmarkt, es ist nicht dick, finden sich einfache Gerichte und wenig Raffiniertes, was bei der Jury von Restauranttestern oder in Fernsehshows wie „The Taste“ bestand hätte.
Es fängt beim Frühstück an, geht über Suppen und Tunken zum Gemüse, zu Frischsalaten, Kartoffelgerichten, Eintöpfen und dann kommen noch ein paar Fleisch- und Fischgerichte. Alle Rezepte sind unkomplizierte, alltägliche Kleinigkeiten und kommen oft ohne Fotos aus. Es sind Gerichte, die man „einfach so“ kochen kann. Richtig Zeit braucht man dafür nicht.

Man stelle sich vor, keiner von uns würde sich mehr regelmäßig waschen, weil wir uns „waschen“ nur noch in Form eines ausgedehnten SPA-Aufenthalts mit Wellness und Sauna vorstellen können. Trotzdem ist Kochen zu etwas scheinbar Hochkompliziertem, Schwierigem, Besonderen geworden, was es im Kern nie war und nicht ist.

Ich bin mittlerweile fest der Überzeugung, dass keine Generationen „Zeit zum Kochen“ gehabt hat.  Hören wir also auf zu behaupten „zum Kochen“ haben wir keine Zeit. Es ist eine Ausrede.
Es ist eine Ausrede, die uns noch leid tun wird, wenn wir herausfinden, wer da wie inzwischen für uns kocht. Lasst uns lieber darüber nachdenken was „Kochen“ als Idee, Begriff und Tätigkeit für uns heute bedeutet und was es heißt damit im Alltag umzugehen.

Alltägliches Kochen in seiner Einfachheit gehört zu einem selbstbestimmten und freien Leben.
Diese Freiheit sollten wir uns von keinem nehmen lassen!


P.S. Trotzdem lasse ich mich auch weiterhin sehr gerne bekochen: von Freunden, auf der Straße, im Imbiss, von Lebensmittelproduzenten, bei Events und im Restaurant – meinetwegen auch vom Fernsehkoch. ;-)

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Kommentare:

  1. Ich träume heute noch von einem "Keine-Zeit-Gericht" meiner Uroma, das ich als Kind geliebt habe. Sauerkraut (was ich eigentlich hasse), geriebene Kartoffel und Bauchspeck, Kassler, oder ähnliches. Meine Uroma hat daraus in großen Pfannen eine Mahlzeit im Backofen gezaubert, die meine Oma den Arbeitern aufs Feld zu bringen hatte.
    Ich habe es noch öfters bei meiner Oma auf Bestellung bekommen und leider, leider, leider nie ein Rezept dazu bekommen oder eingefordert. An was ich mich erinnere: es ging in der Vorbereitung zackzack, ab in den Ofen, und dann sind wir in die Stuttgarter Wilhelma. :D
    Bis wir zurück waren, war das Ergebnis aus dem Ofen perfekt.

    Viele Grüße, Karin Brinker

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  2. Das hast du sehr schön gesagt. Vor allem der Bogen zum Waschen ist hervorragend gewählt. Ich weiß auch nicht, warum "kochen" immer etwas extrem anstrengendes und zeitraubendes sein soll. Es ist einfach Teil des Tages.

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  3. Kochen, wie ich es von einer meiner Omas kenne, ist eine Selbstverständlichkeit, die im Tagesablauf fest verankert ist. Allerdings war das auch ein Tag, der zum allergrößten Teil zu Hause stattfand. Viele Sachen,die ich von ihr kenne, erfordern gar nicht so viel Arbeit, aber oft eine ganze Menge Zeit - zum Gehen, Einkochen, köcheln usw. Das klappt bei Leuten, die außer Haus arbeiten, nicht so. (Sieht man auch daran, dass die andere Oma, die berufstätig war, ihre Schwester als Haushälterin beschäftigte.)

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  4. Dem ist absolut nichts mehr hinzu zu fügen!

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  5. Kochen, wie man es heute kennt, ist wirklich eine Eventbeschäftigung geworden. Die Leute messen sich teilweise auch privat daran, wer komplizierter, raffinierter oder mit mehr Einsatz von hochtechnisierten Mitteln Mahlzeiten zaubern kann. Ich bin da längst ausgestiegen, war eigentlich nie wirklich dabei, da mein Herz schon immer eher an ehrlicher Küche hängt, die mit weniger Zutaten, weniger Rafinesse, dafür aber mit mehr Frischzeug, besserer Qualität und gewissermaßen bodenständigem Geschmack auskommt.
    Wenn ich Rezepte lese, deren Zutatenliste so lang und vielfältig ist, dass ich alleine für den Einkauf einen ganzen Tag benötige, um diverse Läden abzuklappern, dann vergeht auch mir schon beim Lesen die Lust aufs (oder Zeit fürs?) kochen...
    In diesem Sinne "back to the roots" und beispielsweise zu Krauteintöpfen - lecker ;-)
    Aber es gibt ja auch noch jede Menge andere Rezepte...

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