Donnerstag, 26. Dezember 2013

2013 - Ein Rückblick in Momenten

Im Januar laufe ich in Berlin an diesem Angebotsschild eines Backshops vorbei.

Ich kenne die Klagen der letzten Handwerksbäcker über den Preisverfall und die billigen Backmischungen, die vollgepumpt mit Hilfsmitteln und genetisch veränderten Enzymen den Markt überschwemmen.

Später im Jahr werde ich mit Handwerksbäckern und Studenten einen Flashmob initiieren der weite Kreise zieht und zu einem Fernsehreport über die betrügerischen Backmischungen führen wird.

Blick von der DJ-Kanzel in die schnippelnde Menge. Bei der zweiten Schnippeldisko kommen in der Markthalle neun in Berlin Kreuzberg 700 Menschen zusammen um eine Tonne Gemüse zu schnippeln, das sonst in die Tonne wandern würde.

Während des Jahres bekomme ich ein Video von der ersten Schnippeldisko in Seoul zugeschickt, ein Foto von Giselle Bündchen, die in New York bei der ersten Schnippeldisko in den USA dabei ist. Ich schreibe Grußworte an die erste Disco Soup in Brasilien. In Frankreich wird Disco Soupe zu einer Massenbewegung. Auf Facebook sehe ich Tausende in den ehemaligen U-Boot Bunkern in Nantes schnippeln.
Dieses Mädchen steht mit dem riesigen Schild auf der Brücke und schaut auf den Bundestag.

Wir haben es satt! 10.000sende stehen auch dieses Jahr wieder vor der Tür der Kanzlerin und appellieren an Frau Merkel und die zuständige Ministerin Frau Aigner sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einzusetzen.

In Europa ist Deutschland, was eine Agrarwende angeht das Land, was auf der Bremse steht.
In diesem Jahr treffe ich viele Freunde aus ganz Europa. Sie verstehen die deutsche Blockade-Politik nicht. Ich kann ihnen nur die Bilder unserer Demonstration zeigen. Im Januar 2014 werden wir wieder auf die Straße gehen.
Zum ersten mal nehme ich bewusst den Klang eines Brötchens wahr und verstehe was eine wirklich gute Krume ist.
Ein Bäcker hat mir das Brötchen während eines Seminars ans Ohr gehalten und zusammengedrückt. "So muss das klingen" sagt er und ich verstehe was der Unterschied zu Backshop-Brötchen ist.
Auf der Grünen Woche sehe ich Kinder in diesem Modell zwischen endlosen Raps und Maisfeldern Carrera Bahn spielen. Durch die Einöde, fahren sie kleine Rennautos. Es ist ein Modell für "Biokraftstoff".

Werde ich meinen Kindern noch andere Agrarlandschaften als Monokultur und Biogasanlage zeigen können?



Meinen Mantel hänge ich in der Garderobe neben den von Franz Müntefering. Es ist Anhörung des Nachhaltigkeitsausschusses des Bundestages. Ich bin zu Gast in einem Gebäude, das mich an die Schaltzentrale des Imperiums bei Star Wars erinnert.
Als Teil der Revolution sitze ich eine Reihe hinter den Politikern. Doch viele in dem Raum wissen wieviel Politik auf unseren Plätzen gemacht wird.

Essen ist Politik.
Tainá Guedes hat ein Buch geschrieben. Sie hat mich zu einer Lesung eingeladen. Zum ersten mal lese ich laut aus einem Kochbuch vor: Erst eine Geschichte ihrer Großmutter, die nichts wegschmeissen kann, vorallem kein altes Brot, dann kommt das Rezept, das wie Lyrik klingen kann wenn man es mit Bedacht vorträgt.

Später im Jahr werden wir beide vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eingeladen Brot vom Vortag zu verkochen.

Tainá verarbeitet alte Croissants. Ich stürze mich auf alte Rosinenbrötchen. Es entstehen köstliche Desserts.
Auf der Internorga platzt mir bei diesem Vortrag, den wir bei der Blogger-Führung besuchen, der Kragen. Die Trend-Forscherin vor uns präsentiert diesen Teller als faszinierende "Zukunft der Außer-Haus Verpflegung in Schulen". Amerika ist für sie ein Vorbild.

Die anderen Blogger müssen mich zurückhalten. Es wird ein hitziges Gespräch über Verantwortung und die Zukunft unserer Gesellschaft.


Ich bin fasziniert wie der Butter-Mann in der Markthalle in Berlin-Moabit die Butter vom großen Klotz absticht und dann mit Holzpaddeln in Form klopft.

Ich werde ihn dieses Jahr noch mehrmals besuchen. Immer auf dem Fahrrad. Einmal im strömenden Regen. Ich hasse mich auf dem Weg zurück dafür. Druchnässt, das erste Brot mit der Butter genossen, liebe ich mich dafür.
Erst muss ich in die Maske, dann an die Friteuse, später zu Eva und Franziska in die Sendung.

Vor der Maske frittiere ich den Nachmittag über Kartoffelscheiben. Alles riecht nach frischen Chips und das Team der Sendung futtert mir schon vor der Sendung fast alles weg.

Meine Chips treten während der Sendung gegen die Industriechips des Junkfoodtasters an.

Die frisch gemachten Chips werden noch vor Ende der Sendung aufgefuttert sein.
Ein Ei nicht zu hart gekocht. Einen Appetitsild darauf gelegt und weggehappst.

Genuss kann so einfach sein.
Vorallem, wenn draußen die Sonne scheint und man auf der Nordseeinsel Sylt bei lieben Menschen zu Gast ist.
Der kleine Junge hohlt die Säge raus, als ich ihn bitte mir ein Stück des Rinderrückens abzuschneiden.

Ritschratsch und ich habe ein Steak vom trocken gereiften Weideochsen vom Limpurger Rind in der Tasche.

Es wird eines der besten Stücke Fleisch des Jahres werden, das meine Pfanne und mein Gaumen zu Gesicht bekommen.
Es scheint rotes Licht auf meine Atemmaske. Ich bin unter Pilzen in einem Keller in Berlin. Es ist feucht und es riecht etwas nach Wald.

Hier wachsen auf Kaffeesatz leckere Pilze. Nach der kleinen Führung habe ich selbst ein kleines mit Sporen geimpftes Paket in der Fahrradtasche. Daraus wird eine leckere Pilzpfanne werden - aus meinen ersten selbstgezüchteten Pilzen.
Eines Abends bekomme ich einen Anruf von der Autobahn."Der Hackblock ist im Anflug."
Es ist der Hackblock der Oma eines Freundes. Aus einer Metzgerei in Franken. Er hat ihn mir geschenkt.

Der alte Block ist urst schwer und wir quälen uns mit ihm in den 4. Stock. Nun steht er in meiner Küche. Eingeweiht wird er mit einem Schnitt durch eine Ahle Wurscht.

Der Topf ist leer! Über 6.500 Portionen Suppe und Curry haben wir auf dem Museumsplatz im Herzen von Amsterdam an hungrige Gäste verteilt.

Am Tag zuvor hat die erste Disco Soep ein nach Vorbild der Schnippeldisko in den Niederlanden stattgefunden.

Es war ein Fest. Ein Fest gegen Lebensmittelverschwendung.


In einem holländischen Supermarkt halte ich zum ersten mal eine Möhre in der Hand, die komplett in Plastik eingeschweißt ist – wie ein Condom umschließt das Plastik das Gemüse.

Im selbst Regal entdecke ich später eingeschweißt und begast in Plastik: fertig geschnittene Zwiebeln, klein geschnittenes Gemüse, geschnittene Pilze ...
Gleich mehrere Menschen sehe ich in diesen Wochen mit schüttelndem Kopf vor McDonalds Werbeplakaten stehen.
Sie können nicht glauben wer da Werbung für Fast Food macht.
Menschen die sie für integer hielten.
Ehemalige Vorbilder die in dieser Dekade abstürzen wie vergiftete Singvögel.
Moritz Bleibtreu wird sich später versuchen zu rechtfertigen und scheitern.
Es ist ein Trauerspiel und doch zeigt es mir wie viele auf dem Weg sind und bereits verstanden haben.
Es wird das beste Schweinekotelett des Jahres werden. Gegrillt am Strand der Isar nahe München. Aufgewachsen als Weideschwein in Glonn bei den Herrmannsdorfer Werkstätten. Vom Stück heruntergeschnitten von einer echten Metzgerin. Ein Kotelett mit einem dicken Fettrand, der so großartig schmeckt, dass vier Leute davon satt werden.
Als ich in der Metzgerei im Norden Lettlands Hackfleisch bestelle, fragt mich die Metzgerin welche Stücke ich denn gerne dafür hätte. Fertiges Hack gibt es nicht.
Nach meiner Auswahl geht sie mit dem Fleisch in das Hinterzimmer und wolft das Fleisch frisch in eine Schale.

Hinter Ihr läuft auf einem Fernseher ein Video über den Betrieb von dem die Schweine kommen. Man sieht sein Hackfleisch als Ferkel, als Schwein im Stall, bei der Schlachtung und als Fleisch am Haken.

Unvorstellbar in Deutschland. In Lettland Realität. Der Metzger wirbt mit Vertrauen und Qualität. Ich freue mich auf die frischesten Hackbällchen seit Langem.

Es ist einer der gruseligsten Orte den ich dieses Jahr besuchen werde. Es ist der Geflügelschlachthof in Wietze in Niedersachsen in dem jeden Tag (!) 400.000 Hühner geschlachtet werden sollen.

Wir demonstrieren dagegen und umzingeln mit einer kilometerlangen Menschenkette aus über 7.000 Menschen den Schlachthof.

"Wenn Orte an denen unsere Lebensmittel produziert werden von Stacheldraht, Zäunen und Überwachungskameras umgeben sind haben wir ein Problem! Wir alle!"

Es wird das frischeste und leckerste Abendbrot des Jahres. Im Garten des Weingutes sammeln wir uns das Obst und Gemüse für unser Essen selbst zusammen.

Während des Abendessens kommt der Winzer dazu, hohlt Wein aus dem Keller und ich lerne an diesem Abend und am nächsten Tag viel über den biologischen Weinanbau.
Wir demonstrieren zu Tausenden zu einem Zeitpunkt an dem wir eigentlich nur die Hälfte von dem Wissen, was eigentlich passiert ist.

NSA, Überwachung, Totale Spionage.

Zwischen Hochhäusern, die in der DDR gebaut wurden.

Unsere Kanzlerin wird erst aktiv werden, als sie selbst ihren Schaden erkennt.



Einige Wochen später stehe ich mit meiner PARTEI vor dem Brandenburger Tor und halte einen Flachbildschirm. Es wird die erste iDemo der Welt.



Viel über Kaffee, seinen Anbau, seine Verarbeitung und seine Zubereitung habe ich dieses Jahr gelernt. Habe Röster kennen gelernt und Baristi. Menschen die Mahlgrad auf Röstgrad abstimmen und Temperaturen messen bevor sie aufgießen. Kaffee trinke ich seit dem anders. Kaffee brühe ich seit dem anders. Aus Gründen des Geschmacks und der Ehrfurcht vor der Leistung der Bauern, Importeure und Röster, die in vor mir in den Händen hatten.









Mitten im Weinberg steht ein Tisch. Gedeckt mit wunderbarem Brot, Wurst und Wein.

Malin hat uns eingeladen und setzt ihre Werke für die Kamera in Szene. 

Ich lasse den Blick schweifen, die Reeben entlang und über die Berge hinweg. Es ist Erntezeit.

Später stehe ich im dunklen Keller des Winzers und lerne wie hier seit Generationen badischer Weißwein in Holzfässern reift.


Wir machen ein Foto vor dem Bundestag.

Was vor einigen Jahren mit ein paar Aktiven begonnen hat ist ein deutschlandweites und internationales Netzwerk geworden.

Das Slow Food Youth Network ist überall. Von Berlin bis München von Südafrika bis in die Niederlande.
Ich lasse mir die Haare schneiden. Mitten in einem großen deutsch-türkischen Fest in den Hallen der Arena an der Spree.
Am Ende werden die letzten Haare mit einem brennenden Wattebausch entfernt.

Mein Ohr wird heiß und ich bekomme etwas Rosenwasser ins Haar gestrichen.

Ich tanze mit Türken, Deutschen, Deutsch-Türken und türkischen Deutschen zu Musik von BaBa ZuLa und esse Mezze von der Kitchen Guerilla.

Es braucht mehr Feste an denen wir uns begegnen können denke ich nach dem Abend.

Şerefe!

Es ist weder ein Restaurant noch ein richtiger Dinnerclub in dem ich mich an diesem Abend befinde. Es ist irgendwas dazwischen.
Ich esse im Norden irgendwo in Berlin. Es wird ein wunderbares Essen von Menschen, die von Gastfreundschaft und Leidenschaft für gutes Essen beseelt sind. Es ist der uralte Geist der Gastronomie, der durch den Gastraum weht.
Pablo hat uns eingeladen Schilde zu tragen, Schilde aus Solarzellen.

Gemeinsam tragen wir wie ein römisches Battalion die Schilde durch die Stuttgarter Innenstadt. Wir sind das "Testudo Solaris".







Aus einer kleinen Idee wird am Ende ein Schneeball.

Die SAUERCROWD Berlin wird ein lautes Fest. Sauerkraut wird an diesem Abend szenetauglich und wir feiern mit einer einzigartigen Sauerkraut-Orgie unsere Esskultur.

Zu Weihnachten werde ich mein selbst gestampftes und jetzt fertiges Sauerkraut aus dem Glas nehmen und damit ein Essen kochen, so wie es Generationen vor mir gemacht haben.
Bernadette hat mich nach Hamburg eingeladen. Mit Flüchtlingen aus Lampedusa würde sie dort ein Theaterstück mit viel Musik gestalten, hatte sie erzählt.
In der Kirche auf St. Pauli tritt sie gemeinsam mit den Flüchtlingen aus Afrika auf. Sie singen Lieder, rappen, erzählen von Ihrer Flucht und stellen Forderungen als Universal Schattensenat von Hamburg.

Ich bin mitgerissen von der Musik, von dem Mut der Menschen im Licht der Scheinwerfer, gerührt von deren Geschichten und den Botschaften an uns.

Nach der Show bedanke ich mich Ihnen für diesen Abend. Wir umarmen uns. Es bleibt die Hoffnung.


Noch ist die Bühne leer.

Sophie Hunger wird an diesem Abend live in Berlin spielen. Es wir das beste Konzert des Jahres werden.

Irgendwann spielt Sie mit ihrer Band "Das Neue".

Nur wenige Tage nach dem Konzert beginnt in meinem Leben etwas völlig Neues.
So wie ständig etwas Neues beginnt.

Danke Sophie!

Danke an alle Menschen, denen ich dieses Jahr begegnen durfte, die meine Texte gelesen & meine Fotos angeschaut haben, mit mir an einem Tisch gesessen haben und mit mir immer wieder an das Neue glauben!




Mehr Momente findet Ihr unter http://instagram.com/wurstsack




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1 Kommentar:

  1. Wunderschöne Tulpenbilder und so viele Sorten und Farben.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.

    Tnx
    Blumenzwiebeln Kaufen Holland

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