Sonntag, 17. August 2014

Ganz unten. Im Tal der kulinarischen Würdelosigkeit

Von den 10 Personen, die sich für die Tour durch die Burger King Küche angemeldet haben, sind wir die beiden einzigen, die gekommen sind. Ein Berliner Vater mit seinem Kind und ich sitzen nun am Sonntag morgen um 9:00 Uhr in einer Berliner Burger King Filiale und warten darauf, dass es losgeht – hinter die Kulissen des Burger Bräters.

Zur Begrüßung bekommen wir eine Cappy und eine Schürze. In einem kurzen Gespräch, bevor wir in der Küche verschwinden, frage ich wie viele Burger denn hier so an einem Tag verkauft werden? „Über Zahlen darf ich nicht sprechen.“, sagt die Chefin, die uns durch die Küche führen wird.  Die nächste Enttäuschung folgt an der Tür zur Küche: Fotos darf ich auch keine machen, das sei „aus hygienischen Gründen“ verboten, bekomme ich zu hören.

Dies ist also das letzte Foto, bevor ich hinter der Tür in der Küche verschwinde.







In Folie eingeschweißter, bereits geschnittener Salat ist das erste, was ich sehe, als wir uns den Kühlraum anschauen. Seit meinem letzten Besuch in Lobbykreisen weiß ich, dass dieser Salat die selbe Behandlung mit Chlor durchmacht, wie das besagte Chlorhühnchen, vor dem im Moment alle so große Angst haben. Der Salat ist fertig geschnitten und wartet in Plastiktüten darauf aufgerissen zu werden. Fein säuberlich mit Haltbarkeitsdaten versorgt.

Überhaupt ist hier fast alles in Plastik verpackt. Eingeschweißt. Eingedost. Eingepackt. Nur die Zwiebeln nicht, die kommen in der Schale. „So richtig aus der Erde“, wie die Chefin betont. Für den Schichtleiter ist das wilde Gemüse in der Schale jedoch ein Ärgernis, da es zu einem Arbeitsschritt führt, der nicht standardisiert ist, einen den er noch selber machen muss mit einem Messer, in einer Umgebung, die für diese Art der Zubereitung - das Zerschneiden von Gemüse - eigentlich nicht gemacht ist.

Stolz zeigt man uns die beiden Geräte, die als einzige noch Lebensmittel im Urzustand (Tomate und Zwiebel) zerschneiden können. Es sind zwei Handpressen, mit denen sich das Gemüse in Scheiben drücken lässt. Es ist der einzige Arbeitsschritt, der noch im Entferntetesten mit Kochen zu tun hat. Draußen im Gastraum hängen Poster, die das schneiden der Tomaten feiern.

Tomate und Zwiebel sind die einzigen frischen Lebensmittel, die sich in der sogenannten Küche finden lassen. Der Rest ist verarbeitet, behandelt, eingefroren und mit Zusatzstoffen versetzt. Der Rest ist automatisiert, abgepackt, zugeschweißt und muss nur aufgerissen werden und dann nach einer gewissen Zeit weggeschmissen werden, wie wir noch lernen werden.

Der Lieferant hätte „einen großen Garten“ erzählt unsere Führerin, in dem das Gemüse wächst. Ich denke zurück an meinen Besuch bei den Supermarkt Tomaten und merke wie mich die hilflose Naivität, der Menschen die hier arbeiten, bedrückt. Sie sollen antworten haben jedoch keine Ahnung, wo die Lebensmittel herkommen, geschweige denn, was mit ihnen passiert, wenn sie vom Feld kommen. Besucht hat sie diese Orte noch nie, sagt sie: kein Gewächshaus, keine Fleischfabrik. Es gibt Chargennummern die nachverfolgbar wären – in der Filiale ist keinem der Ursprung der Lebens-Mittel bekannt mit denen man hier täglich umgeht.
Die Geräte und Maschinen, in denen diese Lebensmittel vor dem Erreichen der Filliale verarbeitet werden, scheinen auf einem anderen, unerreichbaren Planeten zu stehen. Einem Planeten, den keiner der hier arbeitenden Menschen je betreten hat.

Als nächstes wird uns der automatisierte und computergesteuerte Ofen gezeigt, in dem die tiefgefrorenen Fleischstücke für die Burger aufgetaut werden. „Flame grilled“ heißt das Qualitätsversprechen von Burger King, dass suggeriert hier würde Fleisch über Feuer gegrillt. In Realität sind die sichtbaren Flammen das verbrennende Fett der auftauenden Fleischstücke. Diese Flammen werden im Gastraum ebenfalls stolz auf Postern beworben.
Das Rauch- bzw. Grillaroma, so weiß ich es von einer Recherche auf einer Lebensmittelmesse, kommt von einem Rauch-Aroma Hersteller, der künstlich Rauch verflüssigt und für Burger King eine eigene Aromamischung zusammenstellt. Mit diesem Gemisch werden dann die Produkte behandelt, damit sie „frisch gegrillt“ schmecken.

Nach dem Grillen plumpsen die Fleischstücke automatisiert von einem Band in Plastikschalen, in denen sie nun 30min warm gehalten werden. Stolz wird uns erzählt, dass das Fleisch früher viel länger – also 45min – in diesen Schalen geschwommen wäre. Fast scheint es als hätten Günter Walraffs Enthüllungen vor allem dazu geführt, dass man nun noch schneller Essen wegwirft und die Mitarbeiter im Stress noch unsicherer und gequälter von den vielen, vielen neuen Vorschriften sind.

"Wir schmeißen nichts weg und produzieren auf Bestellung", wird uns erzählt. Schwer zu glauben, da während meiner einstündigen Zeit in der „Küche“ mind. 7 Burger Buletten in den Müll wandern. Dieser Schritt wird später auch stolz zelebriert um zu zeigen, wie man sich nun an die strengen Vorgaben hält. „...und weg damit.“

Das vor sich hin wartende Fleisch sieht traurig aus. Schon nach wenigen Minuten schwimmen die traurigen Fleischstücke in einem wässrigem Fleischsaft, der aus den Buletten austritt. Die braune Grillgitteroptik entsteht durch Stangen auf denen das Fleisch aufgetaut wird und die die Oberfläche leicht verbrennen.

Kochen, wie es sich bei Burger King in der „Küche“ zeigt, besteht eigentlich nur aus umschichten, umfüllen, aufreißen, drauflegen. Ich kann keine Tätigkeit entdecken die Kenntnisse erfordern würde – allerhöchstens Handschuhe aus Plastik (wegen der Hygiene).
Zwei Wochen braucht es um hier alle Arbeitsschritte gelernt zu haben, erfahre ich. „Dann nochmal 4 Wochen Training und man hat man’s drauf“, erfahre ich. Wenn man schnell genug ist! 30 Sekunden braucht Michael*(Name geändert) für einen Burger (inkl. Einpacken) viel mehr Zeit darf er sich nicht lassen. Der Computer, der alles überwacht sieht und misst alles.

Fast alle Arbeitsschritte mit und an den Maschinen der sogenannten Küche werden von Computern kontrolliert. Ein vernetzes Display zeigt die Bestellung an, ein weiteres den aktuellen Workflow und die Wirtschaftlichkeit. Alle Geräte sind „über das Internet“ vernetzt bis hin zu den Warmhaltebehältern in denen die fertig gebratenen Burger Buletten auf die nächste Bestellung warten. Eine große Anzeige zeigt allen wie „effektiv“ sie arbeiten und gibt laufend Noten über das aktuelle Arbeitsverhalten. Alle, die hier arbeiten werden ständig kontrolliert mit direkter Leitung ins Büro und in die Burger King Konzernzentrale.
Ich muss an den Film Matrix denken, in dem die Menschen an Schläuche angeschlossen waren in totaler Kontrolle der Maschinen. Warum tragen die Mitarbeiter hier noch keine Computerchips in den Schuhen, die den Weg messen den Sie täglich gehen? Warum keine Kopfkamera, die mit der Produktsicherheit verbunden ist? frage ich mich. Viel fehlt nicht zur Totalüberwachung in dieser sogenannten Küche. Der Kampf um mehr Hygiene liefert weitere Argumente für diesen Überwachungswahn. Wer leidet sind die Mitarbeiter, die unter diesem Druck „kochen“ sollen.

Im Gastraum wird es laut. Die Männer von der Müllabfuhr bestellen jeweils drei Chilli-Cheeseburger. Jetzt muss es fix gehen. Die Soße, die für den Namen verantwortlich ist und schnell auf die beiden Seiten des Brötchens geschmiert wird, darf 3 Tage offen in der Küche stehen. Ein vor Zusatzstoffen trotzendes Schmiermittel für die vor sich hin wässernden Fleischstücke, die trocken und krümellig zwischen den Brötchenhälften kleben.
Als Michael fertig ist drückt er auf einen „Fertig“-Knopf und schiebt die Burger durch zum Verkauf. Fast wie bei einem Computerspiel verstummen jetzt die kleinen Lämpchen, die ihn kontrollieren und die Anzeige mit der Bestellung erlischt auf der Anzeige.

Die Männer von der Müllabfuhr warten schon begierig auf ihr Burgerfrühstück. Nun bekommen auch wir, die beiden Küchengäste, unseren Wopper vor unseren Augen gebraten, belegt und eingepackt. Mein Mitstreiter lässt sich noch extra Chillis und Käse auf den Burger legen und entwickelt ein Freude an der eigenen Burgerkreativität. Auch Michael, der hier arbeitet, sieht man nun an, wie viel Spaß er hat von der immer gleichen Routine abzuweichen und ein hundertausendmal wiederholtes System zu brechen. Ein kurzer Moment, der an so etwas wie Kochen erinnert – an eine Tätigkeit, die von der Maschine abweicht und küchenähnlich wird. Dieser Burger wird nicht von der Computer-Kontrolle erfasst werden.

Während ich in „meinen“ Burger beiße denke ich über das Erlebte nach.

Mir gehen Assoziationen an Spielzeug, an Plastik, an eine Welt, die eine andere real existierende nachspielt durch den Kopf. Eine in der nichts echt ist, sondern nur aus Plastik – „als-ob“ eben. „Als-ob-Lebensmittel“ zusammengelegt in einer „Als-ob“-Küche. Wenn eine erwachsene, zum Leben erweckte Barbie kochen würde sähe es vielleicht so aus, denke ich.

Die tiefe Traurigkeit dieses Bildes ist, dass es keine Fantasie sondern bittere Realität ist. Es ist am Ende kein Spiel ohne Folgen, dass nach dem Spaß zusammengeräumt wird und wieder eingepackt wird. Dieses Spiel hat reale Folgen. Folgen für die Gesundheit, für die Natur, für die Tiere, für unsere Gesellschaft und ganz besonders für die Menschen, die in diesem Spiel gefangen sind, weil sie ihre Existenz sichern müssen, weil sie in dieser Maschinerie arbeiten müssen.

Die Burger King „Küche“ ist eine Maschine in der alle Arbeitsschritte für die es keinen funktionierenden Automatismus gibt durch Menschenhände ersetzt werden, die computerkontolliert funktionieren müssen. Gehen sie kaputt werden sie ausgetauscht. Menschliche Ersatzteile sind billig und können beliebig in den laufenden Prozess eingebaut werden.

Als ich diese Zeilen schreibe beschleicht mich die Sorge, dass genau diese Menschen am Ende unter meinen Zeilen leiden könnten. Sich angegriffen, ja abgewertet fühlen. Ich denke an den Apparat, der anspringen könnte, wenn dieser Blog-Artikel die Konzernzentrale erreicht, in der dann ein Qualitätssicherungsprogramm greift und genau diese Mitarbeiter, die hilflos vor der Maschine stehen, zur Rechtfertigung zwingt.

Es wäre nicht das was ich wollte. Ganz im Gegenteil es ist ein Gefühl des Mitleids. Mitleid mit den Menschen in diesen Maschinenräumen, weil ich echte Küchen kenne, die diesen Namen verdienen. Küchen, in denen noch gekocht wird, in denen echte Lebens-Mittel mit Würde behandelt werden. Küchen, in denen man einen kreativen und würdevollen Arbeitsplatz hat. Die Arbeit eines Kochs ist auch in diesen Küchen keine leichte! Es ist harte Arbeit, die aber mehr mit dem Leben zu tun hat als mit einem seelenlosen Maschinenraum.

Am Ende sind wir es, die dieses Spiel allzugern akzeptieren und mitspielen. Wir sind es, die die Realität nur all zu gern aus unseren Köpfen wischen, wenn wir wieder einmal an einer Autoraststätte oder im Bahnhof kurz Appetit bekommen und einfach mitspielen, weil es so einfach ist.

Am Ende geht es weniger um eine keimfreie Hygiene und "zu viel Zucker" sondern schlicht um ein Stück kulinarischer Menschenwürde, die hier verletzt wird.

Game Over? Es liegt an uns.

„Wenn jeder zehnte keine Lust mehr zum Kochen hat, kommen sie halt zu uns“, stellt die Chefin der Filiale am Ende etwas resigniert fest. Was kocht sie zu Hause, frage ich. „Diese Wraps“ hätte sie letztens versucht zu Hause nachzukochen, sagt sie. Sie hätten anders geschmeckt als hier in der Filliale, wären aber „super lecker“ gewesen. Sie mag ihren Burger hier am liebsten mit richtig viel Tomaten, sagt sie, mehr als erlaubt wären. Tomaten denke ich, dass einzige, was ich bei Burger King bedenkenlos essen würde.





Epilog

Auf dem Rückweg von Burger King komme ich an einer Kirche vorbei. Es läutet zum Gottesdienst und ich sitze spontan eine Stunde auf einer Bank, singe Lieder mit Menschen, von denen die meisten noch in einer Zeit lebten, in der es dieses Spiel mit der kulinarischen Schöpfung vor unseren Augen noch nicht gab.

Nach dem Gottesdienst setze ich mich mit der Pastorin zusammen und erzähle ihr von meinem vormittäglichen Erlebnissen, von meinem Mitleid mit den Mitarbeitern – von meiner Sorge um die Schöpfung und wie dort damit umgegangen wird. Sie hört mir zu, sagt sie könne sich vorstellen, dass das was ich erzähle nicht viele Menschen hören wollen. Am Ende macht sie mir jedoch Hoffnung und zitiert Jesus der sagt „Wer Ohren hat zu hören, der höre”.